Das Weihnachtsgeschenk

Christian Metzner

So empört wie an diesem Heiligabend war Adele Siebert selten zuvor in ihrem Leben gewesen. Mit ihren dreiundachtzig Jahren hatte sie schon einiges erlebt, aber dies war der Gipfel der Unverschämtheit. Während die beiden Beamten der Koblenzer Kriminalpolizei in ihrer Wohnung tätig waren, ging sie aufgeregt hin und her und schimpfte ohne Unterbrechung. «Wie kann jemand so etwas tun? Was sind das nur für Menschen? Und dann auch noch an Weihnachten!» Einer der beiden Polizisten stieg von einem Schemel vor dem Wohnzimmerschrank und drehte sich um. Dabei fiel sein Blick auf einen kleinen Weihnachtsbaum auf einem Beistelltisch. Das Bäumchen war mit Strohsternen und echten weißen Kerzen geschmückt. «Woher kennen Sie eigentlich den Enkel-Trick?» «Ach», sagte Adele und winkte ab. Die Frage des Polizisten stoppte sie in zweierlei Hinsicht. Sie blieb stehen und hörte auf zu schimpfen. «Ich habe doch keine Enkel, außerdem stand dieser Trick schon in der Zeitung. Mir ist ohnehin schleierhaft, wie man auf so einen billigen Trick hereinfallen kann.» Nun unterbrach der andere Kripobeamte seine Arbeit im Nebenzimmer und kam in den Wohnbereich. Auch er musterte das heimelig aussehende schlichte Weihnachtsbäumchen. «Frau Siebert, diese Menschen glauben das, weil sie es glauben wollen und weil diese Betrüger ihnen etwas vorgaukeln, das sie im tiefsten ihres Inneren wollen. Manche Opfer wurden um mehrere tausend Euro geprellt, und trotzdem haben sie es noch Monate und auch Jahre später nicht wahrhaben wollen und glaubten fest an Enkel.» «Ich jedenfalls glaube es nicht, und ich kann diese Naivität auch nicht nachvollziehen», entgegnete Adele und wollte wieder mit dem Schimpfen anfangen. Das aber verhinderte eine weitere Frage.

«Hat er gesagt, dass er in Schwierigkeiten steckt und dass er dringend Geld braucht?» «Nein, das hat er nicht.» «Was hat er genau gesagt?» «Der Mann am Telefon sagte: enzimmer wieder ein, die hatte sie völlig vergessen, «Sie können jetzt rauskommen», rief sie laut, Ralf blickte überrascht auf, als sich die Türklinke bewegte. Die beiden Polizisten kamen herein und forderten ihn freundlich auf, sich auszuweisen. Obwohl sie sichtlich gerührt waren, machten ■ lie sich vorschriftsmäßig Notizen,

«Warum musst du denn heute Abend noch fahrenf», ffiigte Adele besorgt, «Willst du etwa schon wegp» «Ja, das will ich, ich möchte jetzt mit dir zu meinen Eltern fahren, zu meiner Frau und zu unserer kleinen Tochter Lara, die ist vier. Alle freuen sich schon auf dich,» •;Heißt das etwa, ich bin nicht nur Oma, sondern auch 1 Uroma,“» «Ja, das bist du. Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen,»
Aber Ralf, ich habe doch gar kein Geschenk!“ „Oma, du bist das Weihnachtsgeschenk!»