Was ist Beziehung
Ihr kennt es bestimmt auch, gerade als Mensch mit einer Behinderung. Die Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, Wärme und einem festen Partner an der Seite ist ein tiefes, elementares menschliches Bedürfnis. Es ist der Wunsch, anzukommen, verstanden zu werden und das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen nicht allein durchstehen zu müssen. Dieses Verlangen verbindet uns alle, völlig unabhängig von unseren körperlichen Voraussetzungen. Doch während die Partnersuche in der heutigen Zeit für gesunde Menschen schon oft als kompliziert gilt, gleicht sie für uns Menschen mit einer Einschränkung viel zu oft einem scheinbar unbezwingbaren Hindernislauf, der mit unsichtbaren Mauern, gesellschaftlichen Vorurteilen und tiefen emotionalen Gräben übersät ist.
Wenn man sich heute auf die Suche nach der großen Liebe begibt, stößt man in der digitalen Welt auf eine schier endlose, fast erschlagende Auswahl an Möglichkeiten. Uns werden glitzernde Werbeversprechen präsentiert, die universelles Glück garantieren. Da gibt es unzählige Gruppen in den sozialen Netzwerken wie Facebook, spezielle Foren, barrierefreie Plattformen und die ganz großen, etablierten Online-Partnerbörsen. Sie alle werben mit dem exakt gleichen Slogan: Melde dich an, finde hier dein perfektes Match, triff die ganz große Liebe deines Lebens. Für Menschen ohne Einschränkungen, für die sogenannten Sehenden oder Gehenden, mag das eine spannende, aufregende, unbeschwerte und tolle Geschichte sein. Es ist ein modernes Abenteuer des Kennenlernens. Doch sobald eine Behinderung im Spiel ist, verändert sich die gesamte Dynamik, die Atmosphäre und die Spielregeln dieser Suche fundamental und radikal. Dabei spielt es im Kern überhaupt keine Rolle, um welche Art von Einschränkung es sich handelt. Ob es eine Sehbehinderung ist, ob man vollkommen blind durch das Leben geht, ob man aufgrund einer Querschnittslähmung im Rollstuhl sitzt oder eine andere chronische, körperliche Beeinträchtigung hat, die Hürden und die tief sitzenden Blockaden in den Köpfen der Mitmenschen bleiben erschreckend oft exakt dieselben.
Wenn man sich als betroffener Mensch mit Mut und Hoffnung in diese digitalen Partnerbörsen und Single-Netzwerke wagt, wird man in der Realität schockierend schnell mit den harten Vorurteilen einer auf Perfektion getrimmten Gesellschaft konfrontiert. Man gerät in Filter und Raster, die gar nicht vorsehen, dass ein Mensch mit Makeln nach echter Liebe sucht. Schneller als einem lieb ist, wird man mit Ratschlägen und Kommentaren konfrontiert, die an Absurdität, Empathielosigkeit und Engstirnigkeit kaum zu übertreffen sind. Such dir doch am besten jemanden, der auch im Rollstuhl sitzt, bekommt man dann in den Chats oder in den Kommentarspalten zu lesen. Oder es heißt: Wenn du blind bist, dann pass doch am besten zu einer Partnerin, die die Welt ebenfalls nicht sehen kann, denn dann habt ihr wenigstens die gleichen Probleme. Aber warum ist das eigentlich so. Warum bitteschön sollen behinderte Menschen die große Liebe und das private Glück ausschließlich untereinander finden. Woher kommt diese ungeschriebene, diskriminierende Regel, die uns vorschreiben will, wen wir lieben dürfen und wer zu uns zu passen hat. Natürlich kann eine gemeinsam geteilte Erfahrung im Umgang mit einer bestimmten Einschränkung oder das gemeinsame Meistern von Barrieren im Alltag verbinden und eine solide Basis schaffen. Aber das darf doch niemals eine zwingende Voraussetzung oder gar eine gesellschaftliche Pflicht sein. Vielleicht möchte man ganz bewusst, aus ganz individuellen Gründen, einen Partner ohne Behinderung kennenlernen und lieben. Dafür gibt es die unterschiedlichsten, zutiefst persönlichen Beweggründe, die niemanden etwas angehen. Doch die Gesellschaft liebt ihre bequemen, starren Schubladen. Man wird sofort einsortiert, kategorisiert, abgestempelt und in eine dunkle Ecke gestellt, noch bevor das erste ehrliche, tiefe Wort miteinander gewechselt wurde. Man wird auf das medizinische Merkmal reduziert, während der eigentliche Mensch dahinter unsichtbar bleibt.
Aus diesem extremen Schubladendenken erwächst ein weiteres, riesiges und zutiefst psychologisches Problem auf dem Partnermarkt: die quälende Angst vor der Offenheit und dem richtigen Zeitpunkt für die Wahrheit. Fast jeder Single mit einer Behinderung kennt dieses schmerzhafte Dilemma beim Online-Dating. Man lernt jemanden im Netz kennen, das erste Schreiben läuft absolut wunderbar, die Nachrichten werden länger, der Humor passt, die Chemie stimmt auf Anhieb und man merkt spürbar, dass es auf der menschlichen und intellektuellen Ebene fantastisch harmoniert. Doch im Hintergrund tickt unbarmherzig die Uhr und die innere Angst wächst von Tag zu Tag, von Nachricht zu Nachricht. Wann ist der absolut richtige, der perfekte Zeitpunkt zu sagen: Du, ich muss dir da noch etwas erzählen, ich bin ein Mensch mit einer sichtbaren oder unsichtbaren Behinderung. Wenn man dann endlich den Mut zusammennimmt, sich verletzlich macht und es offen ausspricht, folgt viel zu oft die brutale, eiskalte Ernüchterung. Oh nein, tut mir leid, aber unter diesen Umständen habe ich leider absolut kein Interesse mehr, lautet die prompte, distanzierte Reaktion. Der Kontakt bricht abrupt ab, Ausreden werden vorgeschoben oder man wird mitten im Gespräch blockiert, noch ehe das Kennenlernen überhaupt eine echte Chance bekommen hat. Die Menschen in unserer Gesellschaft haben eine immense, oft völlig unbegründete und irrationale Angst davor, sich auf einen Partner mit einer Behinderung einzulassen. In ihren Köpfen springt in Sekundenschnelle ein innerer Film an, in dem sie sich selbst sofort in der Rolle einer unbezahlten Vollzeitpflegekraft sehen. Sie denken bei dem Wort Behinderung reflexartig: Oh Gott, dann muss ich mich ja in Zukunft nur noch um dich kümmern, ich muss dich waschen, fahren, füttern, mein eigenes Leben komplett aufgeben und meine persönlichen Träume für dich opfern.
Aber warum fragt eigentlich im Vorfeld niemand genauer nach. Warum nimmt sich in dieser schnelllebigen, oberflächlichen Dating-Welt kaum noch jemand die Zeit, wirklich zu prüfen, wie die Realität im Einzelfall aussieht. Ist dieser Mensch mit einer Behinderung tatsächlich so hilflos, so unselbstständig und so bedürftig, wie man es sich in seiner eigenen Unwissenheit, Bequemlichkeit und Ignoranz ausmalt. Muss sich wirklich rund um die Uhr um ihn gekümmert werden. Die Antwort lautet in den allermeisten Fällen ganz klar und unmissverständlich nein. Viele Menschen mit Einschränkungen führen ein absolut eigenständiges, strukturiertes und selbstbestimmtes Leben. Sie gehen erfolgreich ihrem Beruf nach, managen ihren Haushalt, haben Hobbys, organisieren Netzwerke, stehen fest im Leben und meistern ihren Alltag auf ihre ganz eigene, kreative und faszinierende Weise. Steht denn der Mensch an sich, die Persönlichkeit, der Charakter, das Lachen und das Wesen gar nicht mehr im Vordergrund. Muss man als Mensch mit einer Einschränkung eigentlich immer sofort als hilfsbedürftiges Wesen auftreten, um überhaupt irgendeine Form von Aufmerksamkeit oder Mitleid zu bekommen, oder darf man einfach ein ganz normaler Mann oder eine ganz normale Frau sein, die mit Stolz, Würde und auf Augenhöhe nach einer erfüllten Partnerschaft sucht. Das ist eine der ganz großen, bitteren und ungelösten Fragen unserer modernen Zeit. Bei der wahren, tiefen und echten Liebe geht es doch verdammt noch mal nicht darum, ob ein Mensch kerngesund ist oder nicht. Es geht nicht darum, ob jemand fehlerfrei sehen kann, ob jemand läuft oder im Rollstuhl sitzt. Es geht um das Herz, den Verstand, die gemeinsamen Werte, den Respekt und die Seele. Liebe fragt nicht nach dem GdB, dem Grad der Behinderung, Liebe fragt nach dem Charakter.
Als ob diese gesellschaftlichen Barrieren und die Mauern in den Köpfen der Menschen nicht schon hoch genug wären, wird die Suche oft noch komplizierter und langwieriger, wenn weitere persönliche Kriterien und Lebensumstände ins Spiel kommen. Sucht man beispielsweise als gläubiger Mensch gezielt nach einem Partner, der auch eine bestimmte Religion teilt, die gleichen moralischen Werte besitzt oder aus demselben Kulturkreis stammt, schrumpft der Kreis der potenziellen Möglichkeiten im Handumdrehen auf ein absolutes Minimum zusammen. Die Kombination aus den ohnehin schon massiven Vorurteilen gegenüber der körperlichen Behinderung und den spezifischen, traditionellen Ansprüchen an den Glauben oder die Herkunft macht die Partnersuche zu einer echten, fast unbezwingbaren Mammutaufgabe. Man sucht dann sprichwörtlich nach der Stecknadel im Heuhaufen und wird mit doppelten Barrieren konfrontiert: den körperlichen Vorurteilen auf der einen Seite und den kulturellen oder religiösen Erwartungen auf der anderen Seite.
Und als wäre dieser psychische und emotionale Frust durch Ablehnung und Isolation nicht schon anstrengend und verletzend genug, mischt sich in den sozialen Medien und auf den Dating-Plattformen noch eine ganz andere, extrem gefährliche und skrupellose Komponente ein: die pure Kriminalität, die kalkulierte Täuschung und die grenzenlose Gier nach Geld. Gerade auf scheinbar unkomplizierten Plattformen wie Facebook, Instagram oder Messenger-Diensten wie Telegram tummeln sich professionelle Betrüger und kriminelle Netzwerke, die ganz gezielt die Einsamkeit, die Sehnsucht und die emotionale Verwundbarkeit von einsamen Menschen ausnutzen. Da schreibt man tagelang oder wochenlang mit einer Person, baut mühsam Vertrauen auf, glaubt an ein echtes, ehrliches Interesse und ein tiefes Gefühl, und plötzlich schnappt die Falle zu. Aus dem Nichts kommt die eiskalte Forderung: Du, ich mag dich wirklich sehr, aber um dich richtig kennenzulernen, ein Ticket zu kaufen oder um mich überhaupt mit dir zu treffen, brauche ich erst mal 50 Euro von dir, oder mein Konto ist gerade gesperrt, bitte hilf mir. In solchen Momenten bleibt einem das Herz stehen und man muss erst einmal ganz tief schlucken. Da fragt man sich unwillkürlich mit ungläubigem Entsetzen: Geht es hier eigentlich überhaupt noch um eine ehrliche Beziehung, um Liebe und um das Kennenlernen eines Menschen, oder geht es einfach nur darum, mich auf die schmutzigste Art und Weise skrupellos abzuzocken. Gerade als blinder oder behinderter Mensch quält einen dann der unendlich schmerzhafte, zermürbende Gedanke: Will diese Person mich nur wegen meines Geldes ausnutzen, weil sie glaubt, mit mir leichtes Spiel zu haben, oder will sie mich wirklich ehrlich als Mensch an ihrer Seite haben.
Aus dieser harten Realität und diesen bitteren Erfahrungen heraus kann ich euch allen da draußen nur einen dringenden, gut gemeinten und lebenswichtigen Rat mit auf den Weg geben: Wenn jemand im Netz im Zuge des Kennenlernens Geld von euch verlangt, völlig egal unter welchem Vorwand, sei es für eine angebliche familiäre Notlage, für die Fahrtkosten zu einem ersten Treffen, für ein neues Handy oder als Vorschuss für eine Agentur, dann nehmt sofort und ohne jede Diskussion Abstand davon. Brecht den Kontakt sofort ab und blockiert diese Profile konsequent und ohne Ausnahme auf allen Kanälen. Das ist alles fake, das ist reiner, organisierter Betrug, sogenanntes Romance Scamming, und absolut gelogen. Diese Betrugsmasche ist eine der größten, hässlichsten und verwerflichsten Schattenseiten der modernen, digitalen Kommunikation, die systematisch die Hoffnung zerstört.
Doch was bleibt am Ende des Tages eigentlich übrig, wenn man all diese Hürden, Enttäuschungen und Gefahren zusammenrechnet. Das unfaire Schubladendenken der Gesellschaft, die unbegründete, panische Angst vor der Behinderung und der vermeintlichen Last, die religiösen und kulturellen Erschwerungen und die ständige, allgegenwärtige Gefahr, belogen, betrogen und finanziell ausgenutzt zu werden. Viele Betroffene investieren am Ende viel Geld, melden sich verzweifelt bei teuren, exklusiven Partnerbörsen an, zahlen über Jahre hinweg horrende Mitgliedsbeiträge, stecken unendlich viel Kraft, Energie, schlaflose Nächte und Hoffnung in diese Portale, und am Ende steht man doch wieder vollkommen alleine da. Man hat einen riesigen Haufen Kohle ausgegeben, das Sparbuch ist leer, das Herz ist schwerer und verletzter als jemals zuvor und der ersehnte Erfolg bleibt einfach aus.
Was soll man in einer solchen Situation am Ende des Tages tun. Das ist die alles entscheidende, existentielle Frage, vor der wir immer und immer wieder stehen, wenn wir abends allein in den Spiegel schauen. Soll man einfach komplett kapitulieren, die Suche für immer einstellen, sein Herz mit einer dicken Mauer aus Eis verschließen und sich ein für alle Mal damit abfinden, einsam und alleine durch das Leben zu gehen, nur um sich vor weiteren Enttäuschungen, Demütigungen und seelischen Verletzungen zu schützen. Oder soll man trotz allem Schmerz, trotz aller Abzocke und trotz aller Vorurteile weiter die Hoffnung und das Licht in sich tragen, dass da draußen irgendwo im Universum irgendwann doch noch dieser eine, ganz besondere Mensch existiert, der ein wahrhaft großes, reines Herz besitzt. Ein Mensch, der absolut keine Berührungsängste hat, der nicht in den engen Schubladen der Masse denkt, der die Behinderung als das sieht, was sie ist, nämlich nur eine kleine Eigenschaft von vielen, und der einfach nur das Gegenüber als das wahrnimmt, was es im Innersten ist: ein wunderbarer, wertvoller und liebenswerter Mensch, der bereit ist, sein Leben, seine Liebe und seine Träume bedingungslos zu teilen. Die endgültige Antwort auf diese Frage muss jeder von uns für sich selbst ganz tief im eigenen Inneren finden, aber eines steht fest: Der Kampf um eine echte, ehrliche Liebe auf absoluter Augenhöhe bleibt eine der größten und wichtigsten Herausforderungen unserer gesamten Gesellschaft.
