Kann ich was für Sie tun? Nicht Menschen, die Hilfe brauchen, auszunutzen.
Verfasst von Mevludin Useinoski
Hinter der scheinbar einfachen Frage Kann ich was für Sie tun? verbirgt sich eine der größten und sensibelsten zwischenmenschlichen Aufgaben unserer Zeit. Es geht dabei um weit mehr als nur um eine reine Gefälligkeit oder eine kurze Höflichkeit im Alltag. Es geht um den tiefen, unumstößlichen Grundsatz, Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen, niemals und unter keinen Umständen auszunutzen, zu übergehen, wegzuschauen oder ungefragt für eigene Zwecke zu handeln. Dieser Text und diese Botschaft richten sich an jeden Einzelnen in unserer Gesellschaft: Es betrifft Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung gleichermaßen, denn jeder von uns kann in die Situation kommen, Hilfe zu benötigen oder Hilfe anzubieten.
Vielleicht ist es euch selbst in der Praxis noch gar nicht so bewusst aufgefallen, aber durch eure tägliche Erfahrung im Umgang miteinander kennt ihr diese Situationen ganz bestimmt. In unserer Gesellschaft gibt es Menschen, die in ganz bestimmten Themen einfach extrem stark sind. Ihr habt das Fachwissen, ihr kennt euch in der digitalen Welt, mit Technik, mit Formularen oder bürokratischen Hürden richtig gut aus. Auf der anderen Seite gibt es eben Menschen, die in genau diesen Bereichen schwächer sind und an ihre Grenzen stoßen. Dabei ist es völlig egal, ob jemand eine Behinderung hat oder keine Behinderung hat. Wenn jemand in einem Thema Hilfe braucht, dann zählt in diesem Moment nur eins: dass man füreinander da ist.
Wenn diese Menschen zu euch kommen und euch ihr Vertrauen schenken, dann versucht ihnen so gut und so ehrlich wie möglich zu helfen. Das ist heute wichtiger denn je, denn das echte, ehrliche Miteinander auf Augenhöhe zwischen Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung hat in der letzten Zeit leider sehr, sehr stark abgenommen. Wir müssen dieses Miteinander dringend wieder mit Leben füllen. Das bedeutet als allererste und wichtigste Grundregel für alle Beteiligten, ob mit oder ohne Behinderung: Wenn ihr eure Hilfe anbietet, dann macht bitte absolut alles zusammen mit den Menschen. Und macht es auf gar keinen Fall ohne den Menschen. Das gilt mitten im realen Leben auf der Straße genauso wie auf der digitalen Ebene.
Orientierung im Alltag: Barrieren an Bus, Bahn und im öffentlichen Raum
Ein riesiges Thema, das wir viel stärker in den Fokus rücken müssen, ist die Hilfe für Menschen, die nicht lesen können oder sich in einer fremden Umgebung nicht zurechtfinden. Stellt euch vor, jemand steht irgendwo an einer Bushaltestelle oder an einem Bahnhof auf dem Bahnsteig. Die Person weiß einfach nicht, wohin sie gehen muss, welches Gleis das richtige ist oder welcher Zug jetzt der richtige für sie ist. In solchen Momenten ist die Orientierung eine enorme Hürde. Da nützt es nichts, wegzusehen oder achtlos vorbeizugehen. Wenn ihr seht, dass jemand suchend oder hilflos wirkt, geht hin und bietet eure Unterstützung an. Helft dabei, die richtige Linie oder den richtigen Fahrplan zu finden, aber entscheidet nicht einfach über den Kopf der Person hinweg.
Der Einkauf im Supermarkt: Das richtige Produkt finden
Genau das Gleiche passiert tagtäglich im Supermarkt beim Einkaufen. Man sucht ein bestimmtes Produkt und greift vielleicht völlig unabsichtlich nach dem falschen Artikel aus dem Regal, weil man die Schrift nicht entziffern kann oder die Verpackungen sich so ähnlich sehen. Wenn ihr in diesem Moment helft, dann nehmt euch die nötige Zeit. Zeigt dem Menschen das richtige Produkt, nehmt es gemeinsam aus dem Regal, lest ihm wenn nötig vor, was darauf steht, und stellt sicher, dass er genau das bekommt, was er auch wirklich haben wollte. Wahre Hilfe zeigt sich in der Geduld, im genauen Hinsehen und im gemeinsamen Handeln.
Mobilität und klare Absprachen: Hilfe beim Autofahren
Ein weiterer wesentlicher Punkt im Alltag betrifft die Mobilität, wenn man auf die Hilfe von anderen angewiesen ist. Wenn euch jemand mit dem Auto irgendwohin bringt oder ihr eine Fahrt für jemanden übernehmt, dann spielt von Anfang an mit offenen Karten. Vereinbart unbedingt vorher einen klaren, fairen Preis, wenn es sein muss und Benzingeld oder eine Aufwandsentschädigung anfällt. Es darf niemals dazu kommen, dass man im Nachhinein mit unerwarteten Forderungen überrascht wird oder beim Mitfahrenden das Gefühl entsteht, ausgenutzt zu werden. Klare Absprachen im Vorfeld schaffen Vertrauen, Sicherheit und Augenhöhe für beide Seiten.
Achtsamkeit im Straßenraum: Der blinde Langstock und der Rollstuhl
Schauen wir uns auch die Situationen an, wenn man jemanden sieht, der gerade Unterstützung braucht, weil er mit seinem blinden Langstock unterwegs ist oder im Rollstuhl sitzt. Hier müssen wir als Gesellschaft viel aktiver hinsehen. Aber gerade hier gilt die goldene Regel: Geht hin, sprecht den Menschen an und fragt ihn zuerst, wie er Hilfe wünscht. Packt den Rollstuhl niemals ungefragt an und schiebt ihn einfach los. Zerrt den Menschen mit dem Langstock nicht einfach unaufgefordert über die Straße. Macht es zusammen mit ihm, sprecht währenddessen mit ihm und helft genau so, wie der Mensch es in diesem Moment möchte und braucht.
Behörden, Ämter und Briefe: Vertrauen beim Ausfüllen von Dokumenten
Ein oft unsichtbarer, aber extrem sensibler Bereich ist die Hilfe bei Behördengängen, beim Verstehen von schwierigen Briefen oder beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen. Wenn Menschen zu euch kommen, weil sie die Amtssprache nicht verstehen oder durch eine Behinderung Unterstützung brauchen, tragen sie eine enorme Last mit sich. Sie legen ihr ganzes Leben vor euch offen. Lest ihnen jeden Satz genau vor. Schreibt niemals einfach irgendetwas in die Felder, ohne dass der Betroffene genau verstanden hat, was er dort unterschreibt. Wer hier hinter dem Rücken des anderen agiert oder die Unwissenheit ausnutzt, um eigene Ansichten durchzudrücken, missbraucht das verletzlichste Vertrauen.
Die digitale Verantwortung: E-Mail-Konten und sensible Daten
Dieses Prinzip der gemeinsamen Augenhöhe zieht sich nahtlos weiter bis in die digitale Welt. Richtet ihr für jemanden ein neues Konto ein, wie beispielsweise ein E-Mail-Konto, und müsst dafür im System sensible persönliche Daten eingeben, dann gebt bitte niemals Daten ein, mit denen der Mensch, dem ihr gerade helft, am Ende nicht absolut einverstanden und zufrieden ist. Es darf einfach nicht passieren, dass ihr im Hintergrund eine E-Mail-Adresse einrichtet, ohne dass die betroffene Person überhaupt weiß, was da gerade geschieht. Macht diese wichtigen Dinge daher immer nur in direkter Kooperation und gemeinsam mit dem Menschen, den es betrifft.
Das Vereins-Beispiel: Die PayPal-Falle und ihre Folgen
Ein noch gravierenderes Beispiel ist das Einrichten von Finanzkonten, wie etwa bei einem PayPal-Account. Für Vereine gibt es extra offizielle Vereins-E-Mail-Adressen, und genau diese Adressen sollten und müssen auch zwingend für solche Zwecke genutzt werden. Wenn man stattdessen seine private E-Mail-Adresse hinterlegt, blockiert man den Menschen in seiner eigenen finanziellen Selbstständigkeit, und dieser Mensch hat das so auch niemals gewollt, gewusst oder vorhergesehen.
Kommunikation auf allen Wegen: Keine Ausreden für Alleingänge
Wenn ihr administrative, technische oder ganz praktische Sachen im Alltag für andere erledigt, macht es ausnahmslos mit den Menschen zusammen. Fragt sie vorher nach ihrer Meinung, ihrer Erwartung und ihrer ausdrücklichen Zustimmung. Falls die Person gerade nicht persönlich bei euch vor Ort sein kann, dann gibt es in der heutigen Zeit überhaupt keine Ausrede mehr, die Dinge einfach alleine zu machen. Nutzt die Technologie, um Barrieren abzubauen. Macht es online zusammen über soziale Medien, schaltet euch über TeamTalk oder WhatsApp zusammen, teilt den Bildschirm und geht den Weg Schritt für Schritt gemeinsam.
Das ehrliche Fazit: Die große Verantwortung der Hilfe
Einem Menschen zu helfen – ob auf der Straße, beim Einkaufen oder am Computer – ist eine der schönsten und wichtigsten Aufgaben in unserer Gesellschaft. Diese Aufgabe ist kein Kinderspiel. Ihr müsst euch absolut bewusst darüber sein, welche Macht ihr in diesem Moment besitzt und welche Verantwortung ihr für das Leben eines anderen tragt. Hinter jedem Handgriff steht eine echte Person, die euch ihr Vertrauen schenkt. Lasst uns diese Verantwortung endlich wieder mit Stolz und Ernsthaftigkeit tragen, die Menschen in jede Entscheidung aktiv mit einbeziehen und das gesellschaftliche Miteinander wieder ehrlich, transparent, schützend und vor allem gemeinsam gestalten.
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