Sorge

Kehre nicht in diesem Kreise
Neu und immer neu zurück!
Laß, o laß mir meine Weise,
Gönn, o gönne mir mein Glück!
Soll ich fliehen? Soll ich’s fassen?
Nun, gezweifelt ist genug.
Willst du mich nicht glücklich lassen,
Sorge, nun so mach mich klug!

Stille Befürchtung

Seit ich dir mein ganzes Herz entladen,
Peinigt mich geheimnisvolles Weh:
Morgens drängt’s mich seltsam, mich zu baden;
Abends treibt’s mich mächtig ins Café;
Nachts umgaukeln mich verrückte Träume
Daß die Seele bang um Hilfe schreit;
Eng bedrücken mich des Himmels Räume,
Die Gewänder werden mir zu weit;
Vor den Augen schwirrt ein schwarzer Falter –
Sprich, o sprich, wie soll ich das verstehn!
’s ist ein heimlich zartes Knospenalter;
Doch nicht Liebe scheint mir aufzugehn.

Der Zoologe von Berlin

Hört ihr Kinder, wie es jüngst ergangen
Einem Zoologen in Berlin!
Plötzlich führt ein Schutzmann ihn gefangen
Vor den Untersuchungsrichter hin.
Dieser tritt ihm kräftig auf die Zehen,
Nimmt ihn hochnotpeinlich ins Gebet
Und empfiehlt ihm, schlankweg zu gestehen,
Daß beleidigt er die Majestät.
Dieser sprach: »Herr Richter, ungeheuer
Ist die Schuld, die man mir unterlegt;
Denn daß eine Kuh ein Wiederkäuer,
Hat noch nirgends Ärgernis erregt.
Soweit ist die Wissenschaft gediehen,
Daß es längst in Kinderbüchern steht.
Wenn Sie das auf Majestät beziehen,
Dann beleidigen Sie die Majestät!
Vor der Majestät, das kann ich schwören,
Hegt ich stets den schuldigsten Respekt;
Ja, es freut mich oft sogar zu hören,
Wenn man den Beleidiger entdeckt;
Denn dann wird die Majestät erst sehen,
Ob sie majestätisch nach Gebühr.
Deshalb ist ein Mops, das bleibt bestehen,
Zweifelsohne doch ein Säugetier.
Ebenso hab vor den Staatsgewalten
Ich mich vorschriftsmäßig stets geduckt,
Auf Kommando oft das Maul gehalten
Und vor Anarchisten ausgespuckt.
Auch wo Spitzel horchen in Vereinen,
Sprach ich immer harmlos wie ein Kind.
Aber deshalb kann ich von den Schweinen
Doch nicht sagen, daß es Menschen sind.
Viel Respekt hab ich vor dir, o Richter,
Unbegrenzten menschlichen Respekt!
Läßt du doch die ärgsten Bösewichter
In Berlin gewöhnlich unentdeckt.
Doch wenn hochzurufen ich mich sehne
Von dem Schwarzwald bis nach Kiautschau,
Bleibt deshalb gestreift nicht die Hyäne?
Nicht ein schönes Federvieh der Pfau?«
Also war das Wort des Zoologen,
Doch dann sprach der hohe Staatsanwalt;
Und nachdem man alles wohl erwogen,
Ward der Mann zu einem Jahr verknallt.
Deshalb vor Zoologie-Studieren
Hüte sich ein jeder, wenn er jung;
Denn es schlummert in den meisten Tieren
Eine Majestätsbeleidigung.

Christine

Bessern soll ich mich? – O Himmel,
Wie werd ich wohl besser!
Eher reiten schwarze Schimmel
Weiße Menschenfresser,
Eh daß solch ein Kauz wie ich
In sich geht und bessert sich.
Nein, mein Fräulein, ich verzichte
Auf die Tugendpalme;
Schreibe meine Mordgedichte
Tief im Tabaksqualme,
Bis der Satan kommt und spricht:
Fort mit dir, du Bösewicht!
Ja, der Teufel wird mich holen
Früher oder später,
Und ich Ärmster muß verkohlen
Unter Schmerzgezeter;
Haut und Haar und Fleisch und Bein,
Alles muß gebraten sein.
Sie indessen wandeln lieblich
In der Engel Scharen,
Blumen tragend, wie dort üblich,
In gelockten Haaren,
Und das ganze Angesicht
Angestrahlt vom Himmelslicht.
Sehn Sie nun, wie weit geschieden
Unsre beiden Pfade:
Ihnen eines Gartens Frieden,
Mir die Barrikade,
Wo man sich bei jedem Schritt
Auf die Hühneraugen tritt.
Ihnen freundliche Erbarmung,
Mir der Waffen Blinken
Und des wilden Bärs Umarmung,
Ihnen seine Schinken,
Mir des Feinds entmenschter Streit,
Ihnen seine Menschlichkeit!

Der Reisekoffer

Bei Tafel saßen in bunter Reih
Damen und Herren; auch saß dabei
Ein junger Mann von blassem Gesicht,
In Haltung und Ausdruck ernst und schlicht,
Durchaus bescheiden, zwar etwas gefräßig,
Aber schweigsam verhältnismäßig.
Und wie ein Bach in der Sonne Blinken
Glitt das Gespräch zwischen Scherzen und Trinken.
Man sprach über dieses, man sprach über jenes,
Man sprach über Nützliches, über Schönes,
Und kam über Unfälle und Verbrechen
Schließlich auf Reisekoffer zu sprechen.
Da waren nun, wie das so geht hienieden,
Urteil und Ansichten sehr verschieden;
Die Damen lobten die großen, schweren,
Bequem zu packen und rasch zu leeren,
Ohne daß dabei die Toilette
Jemals Schaden genommen hätte.
Den Herren hingegen wollte es scheinen,
Angenehmer wären die kleinen,
Die leichten, zusammengeklappten Dinger;
Man könne sie heben mit einem Finger –
Unser Jüngling in guter Ruh
Kaut seinen Bissen und schweigt dazu.
Und wie im Schilfe der schaukelnde Nachen
Glitt das Gespräch zwischen Scherzen und Lachen
Von Reisekoffern auf ferne Gefilde
Im schönen Italien, auf Kunstgebilde
Und dann auf das Glück, auf das Glücklicherscheinen
Sowie auf die Liebe im allgemeinen.
Unser Jüngling kaut wacker fort,
Hört von dem allen kein Sterbenswort;
Seine Gedanken, begreiflicherweise
Dämmern so weiter im alten Gleise.
Und wie er sich abmüht mit düstrer Stirn,
Löst sich ein Etwas in seinem Hirn
Und klettert herab, und erreicht seine Zung
Und wird nun allmählich zur Äußerung.
Und er tut den Mund auf, er winkt mit der Hand –
Die Damen im Kreise lauschen gespannt,
Die Herren verstummen von Reminiszenzen
Aus schwülen Garderoben mit welkenden Kränzen;
Alles starrt in verhaltenem Grimme,
Und er flötet mit süß melodischer Stimme,
Und dabei leuchtet sein Antlitz hell:
»Ich habe einen von Seehundsfell.«

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben,
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ew’gen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort

Heutige Welt-Kunst

Anders sein und anders scheinen,
Anders reden, anders meinen,
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös’ und Guten dienstbar leben;
Alles Tun und alles Dichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen will befleißen,
Kann politisch heuer heißen.

Helle Nächte

Schweifst du noch immer dort oben,
Du von den Töchtern des Himmels
Mir die freundlichste, Abendröte?
Oder naht schon von ferne
Tagverkündend
Die prangende Schwester,
Die mit den Rosenfingern
Die Rosse des Helios anschirrt?
Nicht weiß ich’s zu sagen;
Aber droben zwischen den Wolken
Seh‘ ich die weißen Ströme des Lichts.
So ist’s auf der Höhe des Lebens
Dem sinnenden Manne,
Der mit ruhigem Auge
In die flutende Zeit hinausschaut
Und Vergangenes und Künft’ges
Still im Busen erwägt.
Allwärts schaut er
Unendliche Wandlung,
Aber trostlos lastendes Dunkel
Siehet er nicht;
Denn es reicht das Geschlecht dem Geschlechte
Segnend die Hand,
Von einem zum andern wandelt leise
Das heilige Feuer der Vesta,
Die erquickende Gabe des Lichts,
Und der kommende Tag
Zündet freudig die Fackel
An dem verlöschenden an.

Colombo

So ganz verwandelt du, der beim Orkan
Sonst tollkühn in die Meerflut stach
Und mit dem Kiel, daß wir es zitternd sahn,
Die Wogenschäume lachend brach?
Sag an, warum du einsam träumst und sinnst,
Dem Freunde sag’s, Christoforo!
Die Sorge scheuch, das eitle Hirngespinst!
Sei neu mit uns beim Ballspiel froh!«
Umsonst! Wie viel von Fragen auch bestürmt,
Der Jüngling bricht das Schweigen nicht:
Er brütet, Schriften vor sich aufgetürmt,
Vom Morgen bis zum Abendlicht.
Und Monde schwinden; mit dem Freunde da
Einst ruht er nachts beim Flutgeroll
Am Seegestad der stolzen Genua
Und spricht zu ihm geheimnisvoll:
»Vernimm! Im leichten Nachen, fern dem Strand,
Warf mich der Nordsturm jüngst umher;
Ringsum kein Ufer; nur mit jähem Rand
Stieg eine Klippe aus dem Meer.
Dort stand im Nebel, den wie ein Gewand
Der Nachtwind auf und nieder blies,
Ein Riesenbild von Marmor, dessen Hand,
Weit ausgestreckt, nach Westen wies.