Barrierefreiheit ist auch für sehende Menschen wichtig“

Bei Socken und dem Einkauf: Wie Apps Blinden helfen
Apps, die zwischen grünen und roten Socken unterscheiden können, oder Klingelschilder vorlesen: Das Smartphone bietet blinden Menschen neue Möglichkeiten. Wo es dennoch Nachholbedarf gibt, erklärt Thomas Kahlisch im Interview.
Am 4. Januar ist der Welt-Braille-Tag. Braille ist eine Schrift für blinde und stark sehbehinderte Menschen, die aus sechs Punkten gebildet wird. Jede Punktekombination ergibt einen Buchstaben. Über eine entsprechende Tatstatur können Betroffene so auch am Computer schreiben.
Mittlerweile finden sich aber auch Apps und andere Geräte, die blinden und sehbehinderten Menschen im Alltag helfen sollen. Im Interview erklärt Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig, wie die Digitalisierung den Alltag dieser Menschen verändert hat, welche Probleme es noch gibt und warum auch sehende Menschen von Barrierefreiheit profitieren.
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t-online.de: Was hat sich für Sie mit der Digitalisierung verändert?
Mit dem PC und jetzt dem Smartphone, dem digitalen Taschenmesser, sind eine ganze Menge Dinge mehr möglich und praktikabler. Die Frage dabei ist immer, ist es barrierefrei und ist das Angebot für mich nutzbar. Wenn beispielsweise ein Zeitschriftenartikel nur aus Grafiken besteht und der Inhalt nicht barrierefrei aufgearbeitet ist, kann ich den Inhalt nicht lesen. Das sieht dann vielleicht schön auf dem Bildschirm aus, aber die Information ist in der Grafik versteckt und nicht zugänglich.
Trotz der Fortschritte, welche Probleme bestehen immer noch?
Der digitale Wandel führt dazu, dass Haushaltsgeräte für Blinde nur noch schwierig oder gar nicht mehr benutzbar sind, wenn ich nur noch einen Touchscreen habe und der nicht mal mit mir spricht, wie das Smartphone. Ich kann Punkte als Markierung an die Stellen aufkleben, oder ich kann die Waschmaschine mit einer App koppeln und darüber bedienen, aber nicht jeder ist ständig mit seinem Smartphone unterwegs und deshalb sollten die Geräte selbst barrierefrei entwickelt werden.
Thomas Kahlisch ist Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig und Mitglied im Präsidium des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV). Er ist promovierter Informatiker und lehrt an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur HTWK Leipzig im Bereich Interfacedesign, sowie an der Universität Leipzig im Bereich spezielle Buchwissenschaft.
Ist das Problem den Entwicklern bewusst?
Wir sind da immer wieder in der Diskussion und Apple und Google haben dazu auch eigene Richtlinien. Aber die Programmierer muss man sensibilisieren, dass sie ihre Anwendungen von vornherein auch barrierefrei gestalten. Eine barrierefreie Aufarbeitung ist nicht nur für blinde und sehbehinderte, sondern auch für sehende Menschen wichtig, die ihre Zeitschrift digital lesen wollen. Man hat manchmal große Bildschirme, kleine Bildschirme, PCs, oder Tablets, und um einen Text dort überall lesbar zu machen, braucht es Barrierefreiheit.
Jetzt gibt es eine Smartwatch mit Braille-Schrift. Ist solch eine Uhr sinnvoll?
Das ist eine schöne Sache. Ich bin ja selbst beruflich tätig und stellen sie sich mal vor, ich habe nur eine sprechende Uhr. Dann ist es natürlich sehr nervig und peinlich, wenn ich in einem Meeting sitze und die Uhr sagt laut die Zeit an. Da ist eine Uhr, in der Braille-Schrift direkt integriert ist, sehr nützlich, aber auch an Smartphones lässt sich über Bluetooth eine Braille-Tastatur anschließen.
Welche Hilfsmittel benutzen Sie sonst noch im Alltag?
Ich benutze beispielsweise eine App, um meine Einkäufe im Supermarkt vorzubestellen, denn stellen Sie sich mal vor, sie stehen als blinder Mensch vor dem Supermarktregal und wollen ihre Lieblings-Joghurt-Sorte nehmen. Das ist total schwierig. Dann benutze ich die App und kann die Produkte zu einer bestimmten Uhrzeit bestellen.
Dann bin ich letztlich immer noch abhängig und nicht völlig frei darin, wann ich einkaufen gehe, oder?
Ja natürlich, aber wenn ich mich mit einem Freund zum Einkaufen verabreden muss, ist das auch so. Es gibt aber auch mittlerweile Apps, die mir sagen, ob ich jetzt zwei rote Socken, oder eine rote und eine grüne in der Hand halte. Auf Reisen benutze ich eine App, die mir sagt, ob das Licht im Hotelzimmer an ist, denn auch, wenn ich selbst nicht sehen kann, ist es sehr ungesund, bei Licht zu schlafen. So entstehen für uns Alternativen, die wir früher gar nicht hatten.
Was wünschen Sie sich denn noch für die Entwicklung?
Die Erkennung von Texten und Schildern könnte besser werden, aber daran arbeiten die Entwickler bereits. Doch bei neuen Produkten sollte von Anfang an Barrierefreiheit mitgedacht werden, denn es ist nichts schlimmer als ein fertiges Produkt, das eine ganze Gruppe ausschließt und hinterher mit viel Geld wieder überarbeitet werden muss.
Quelle ist von t-online.de

Kommunikationseminar B2

Am Wochenende vom 29.11. bis 01.12. war ich in Paderborn bei einem Seminar der Pro Retina. Das Seminar gehört zu einem Block von insgesamt fünf Grundseminaren. Anschließend kann man sich auf bestimmte Themenbereiche spezialisieren. Ich beispielsweise habe mich Hilfsmittel und Homepage/Website als Schwerpunkte gewählt. Auf diesem Weg kann man Berater bei der Pro Retina werden.
Am Freitag bin ich mit dem Zug nach Paderborn gefahren. Ich wohne nur 60 Kilometer davon entfernt und war daher schon um 13.00 Uhr da. So konnte ich noch vor dem Beginn mein Zimmer beziehen.
Um 15.00 Uhr ging es mit dem Programm los. Nach einer Vorstellungsrunde haben wir uns in Zweiergruppen aufgeteilt und verschiedene Fragen beantwortet. Danach haben wir die Fragen in der Großgruppe ausgewertet und den theoretischen Inhalt vertieft. Nach dem Abendessen gab es eine Sitzung, bei der wir nochmal in Dreiergruppen einen Fragebogen bekamen.
Am Samstag ging es nach dem Frühstück dort weiter, wo wir aufgehört haben: Mit dem Fragebogen. Allerdings haben wir diesmal auch Aufgaben bekommen, bei denen wir anhand von Rollenspielen die Theorie praktisch vertieften. Das war ziemlich interessant, die verschiedenen Charaktere von Menschen (z.B. Verschlossenheit, Hilfsbereitschaft) zu erleben und sich dadurch auch besser kennenzulernen. Nach der Kaffeepause haben wir Gruppengespräche gemacht, in denen es darum ging, wie man Ortsgruppen richtig anleitet. Bis zum Mittagessen haben wir noch besprochen, was wir verstanden haben und Unklarheiten beseitigt.
Nach dem Mittagessen machten wir wieder ein Rollenspiel, bei dem jemand ein schwieriges Erlebnis teilte und es dann darum ging, wie man dieser Person helfen kann.
Der Sonntagmorgen startete wieder mit einem leckeren Frühstück. Im Seminarraum gab es dann nochmal Rollenspiele. Diesmal ging es darum, wie man mit „Störenfrieden“ in einer Gruppe und mit Frustration und Kritik konstruktiv und wirkungsvoll umgeht. Das war eigentlich schon der ganze restliche Tag. Um 12.30 Uhr war das Seminar zu Ende.
Der Service in dem Hotel, in dem wir waren, war ziemlich toll. Auch die Seminarleitung war sehr kompetent. Einziges Problem war manchmal, dass das Haus sehr verwinkelt ist, weshalb man sich als Sehbehinderter relativ leicht verlaufen kann. Ansonsten jedoch war alles super und ich freue mich schon aufs nächste Mal.

Auf Noppen und Rippen durch „Irankfurt

Stadtführungen gibt es viele. Aber eine, bei der es darum geht, möglichst wenig zu sehen, ist neu. Mit dem Blindenstock geht es durch die Altstadt.
Von Karen Allihn
Mit Brillen über Rillen: Brigitte Buchsein (zweite von rechts) hat ihr Augenlicht bereits als Kind verloren und führt Monika Sturm, Linde Roth und Sabine Mannel (von links) durch ein Frankfurt, das sie so noch nicht kannten.
Mit Brillen über Rillen: Brigitte Buchsein (zweite von rechts) hat ihr Augenlicht bereits als Kind verloren und führt Monika Sturm, Linde Roth und Sabine Mannel (von links) durch ein Frankfurt, das sie so noch nicht kannten. Marina Pepaj
Fortgeschrittener grauer Star oder doch lieber Makula-Degeneration? Brigitte Buchsein hält in jeder Hand einen Stapel Brillen. Keine Sehhilfen, sondern Pappmodelle, die laut Aufschrift „typische Auswirkungen der Augenkrankheit simulieren“. Ihr selbst hat das Leben keine Wahl gelassen. Brigitte Buchsein ist im Säuglingsalter erblindet. Dass sie lediglich hell und dunkel wahrnehmen kann, sagt die heute Fünfzigjährige, habe sie jedoch von Jugend an nicht daran hindern können, ihren Lebensraum immer „sehr neugierig und an Geschichte interessiert“ zu erkunden.
„Frau Buchsein kennt alle Führungen der Kulturothek“, bestätigt die Leiterin der Agentur für Stadthistorie, Sabine Mannel. Vor einigen Wochen habe sie Buchsein deshalb gefragt, ob sie nicht den „Augenmenschen“ einmal die Welt aus der Perspektive blinder und sehbehinderter Menschen erklären wolle. Und so leitet Buchsein, die als Software-Entwicklerin bei einem Versicherungsunternehmen in Oberursel arbeitet, jetzt erstmals selbst einen Rundgang. Nachdem alle Teilnehmer der Stadtführung mit einer Spezialbrille ausgestattet sind, geht es los: „Durch Frankfurt ohne Augenlicht“.
Keine 20 Meter weiter stößt Buchsein mit ihrem weißen Blindenstock auf im Pflaster quer verlaufende Rillen. Sie hält inne und folgt dem Lauf der Furchen nach links. Die bewegliche Holzkugel am unteren Ende ihres mehrgliedrigen, auf Handtaschenformat zusammenlegbaren Stabes weist den Weg. „Ich nenne ihn gern verlängerter Zeigefinger, denn ich spüre damit die Struktur des Bodens und auch Hindernisse“, sagt die Frau mit den wilden roten Locken. Außerdem vermittle das seit etwa 1950 international verbreitete Hilfsmittel der Umwelt ganz klar, welche Behinderung sein Benutzer habe.
Die Rillen unter ihren Füßen werden von Platten mit kleinen Erhebungen abgelöst. Blinden und Sehbehinderten geben diese Bodenstrukturen Orientierung und damit im öffentlichen Raum ein Stück Unabhängigkeit. Die Längsrippe bedeute „Weiter so“, die Querrippe dagegen „Stop“, erklärt Buchsein. Die im Quadrat angeordneten Noppenplatten wiederum heißen „Aufmerksamkeitsfelder“ und vermitteln die Botschaft: „Hier passiert etwas“, lernen die Teilnehmer der Führung. Die Erfindung solcher Bodenindikatoren gehe auf den Japaner Seiichi Miyake zurück, erzählt Buchsein. Er erfand 1965 für einen blinden Freund ertastbare Leitsysteme, die heute DIN-genormt weltweit verlegt werden. Meistens weiß gefärbt, verlaufen sie entlang von Bahnsteigkanten und Bushaltestellen, sichern Straßenkreuzungen oder weisen Blinden und Sehbehinderten den Weg zu Ampeln mit akustischen Signalen. In der neuen Frankfurter Altstadt allerdings sind die Noppenplatten hellgrau, aus Granit gefertigt, und die gerippten Marker aus anthrazitfarbenem Basalt.
„Ein hart erkämpfter Kompromiss“, sagt Marion Spanier, ein Zugeständnis an ein ruhiges Straßenbild. Zusammen mit dem Behindertenbeauftragten der Stadt und anderen Experten hat die Projektleiterin der Dom Römer GmbH das Blindenleitsystem für die rekonstruierten Gassen zwischen Dom und Römer entwickelt. Doch sei es unmöglich gewesen, berichtet die Ingenieurin, dabei allen Interessengruppen gerecht zu werden. „Die klare Kante des Bordsteins, die für den Blinden zur Orientierung gut ist, ist für den Rollstuhlfahrer schlecht.“ In der Bordstein-Frage fiel die Entscheidung zugunsten gehbehinderter Menschen aus. So gibt es etwa „Hinter dem Lämmchen“ zwischen Bürgersteig und Straße, die als Fußgängerzone genutzt werden, keinen Höhenunterschied. Mit dem Blindenstock ist dennoch ein Kontrast fühlbar: Das Bodenpflaster des Trottoirs hat ein kleineres Format als das der Straße.
„Jeder soll in der neuen Altstadt autark unterwegs sein können“, sagt Spanier mit Nachdruck. Für die ebenso neugierige wie geschichtsbewusste Brigitte Buchsein sind dieser Forderung Grenzen gesetzt. Zwar ist sie, verschiedenen Bodenrippen folgend, dann wieder Aufmerksamkeitsfelder beachtend, gut über den Hühnermarkt bis zum Stadthaus gelangt. Am Fuß der Treppe jedoch, die in die Präsentation der „Kaiserpfalz franconofurd“ hinabführt, steht sie ohne jede Orientierungshilfe da.
Dass das breite Treppengeländer nicht für die Plazierung von Informationen in Blindenschrift genutzt wurde, kann die couragierte Frau nicht verstehen. Seit Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich im Vorstand des Blinden- und Sehbehindertenbundes Hessen für ihr „Herzensthema“, die Mobilität blinder Menschen. Sie hält Vorträge, besucht Schulen. Und nun das: Der Informationsfilm läuft ohne Ton, das schöne neue Modell der karolingischen Anlage weist keine Erklärungen in erhabenen Buchstaben oder in der für Blinde ertastbaren Brailleschrift auf. „Aber immerhin, ich kann das Modell anfassen“, tröstet sich Buchsein.
Von Sabine Mannel am Arm ins Freie geführt, erreicht sie mit ihrer Truppe den Krönungsweg. Ein junger Osteuropäer hat auf seinem Akkordeon gerade die letzten Töne von Johann Sebastian Bachs berühmter d-Moll-Toccata in den grauen Novemberhimmel entlassen. Stimmt er jetzt nicht die Händel-Arie „Meine Seele hört im Sehen“ an? Für Menschen, die ihre Umwelt nur noch schemenhaft erkennen oder ihr Sehvermögen vollständig eingebüßt haben, ist es vielleicht gerade umgekehrt: Ihre „Seele“ sieht im Hören?
„Man nutzt alle Sinne“, sagt Buchsein entschieden. Doch neben dem Fühlen, Hören und etwa Riechen sei noch etwas sehr wichtig: ein gutes Gedächtnis. Von oft benutzten Wegen präge sie sich, zunächst geführt von Bekannten oder speziell ausgebildeten Lehrern, den Verlauf genau ein. Doch bevor sie neue Strecken im Kopf abspeichere, überlege sie immer gründlich, ob sie diese wirklich häufig nutzen werde und sich das Auswendiglernen lohne.
Am Steinernen Haus endet der Krönungsweg und damit auch die Pflasterung der neuen Altstadt. Vor der Gruppe liegt jetzt der Römerberg – ohne jeden Bodenindikator. „Sukzessive über die Jahre“, sagt Projektleiterin Spanier, „soll auch hier ein Blindenleitsystem installiert werden. Es gibt auch die Idee, einen Stadtplan in Brailleschrift zu entwickeln.“
Noch allerdings ist Buchsein auf dem Weg zum letzten Ziel ihrer Führung, dem gegenüber vom Haus Wertheim aufgestellten Modell des Historischen Museums, auf Hilfe angewiesen. Die Struktur der vielteiligen Anlage mit Saalhof und Kapelle, Burnitz- und Bernusbau, Rententurm und Neubauten kann sie dank der speziellen Beschriftung des Modells gut erfassen. „Ich liebe so etwas“, lautet das begeisterte Fazit – mit einer Einschränkung: „Beim ersten F in Brailleschrift fehlt ein Punkt. Hier steht Irankfurt.“
Obwohl der kalte Wind inzwischen feinen Regen vor sich herbläst, verzichtet Buchsein auf Kapuze und Regenschirm. Wichtiger sei für sie, gut hören zu können und die Hände für den Stock und zum Tasten frei zu haben. Am Fußgängerüberweg zwischen Römerberg und Paulsplatz endet die Tour. Keine Ampel hält hier den Verkehr auf, kein Bordstein hemmt den Tritt, nirgends Rippen oder Noppen, die auf die kreuzende Braubachstraße hinweisen. Trotzdem möchte Buchsein in einer solchen Situation nicht einfach am Arm genommen werden. „Es ist besser, Hilfe erst einmal nur anzubieten, die Entscheidungshoheit sollte immer dem Angesprochenen überlassen werden.“ Linde Roth, eine 70 Jahre alte Teilnehmerin der Führung, sucht, inzwischen ohne Simulationsbrille, betroffen nach Worten: „Das ist alles viel intensiver und aufwendiger, als ich gedacht habe.“
Die nächsten Stadtführungen „Durch Frankfurt ohne Augenlicht“ finden am 26. Januar, 23. Februar und 29. März 2020 statt. Treffpunkt ist jeweils um 14 Uhr im Haus Hinter dem Lämmchen 9. Um Anmeldung unter der Telefonnummer 28 10 10 wird gebeten.
Quelle ist von https://edition.faz.net/faz-edition/rhein-main-zeitung/2019-11-28

Handicap on Air

Ministerpräsidenten, Olympiasieger, Schauspieler und viele andere wichtige Persönlichkeiten waren schon Gesprächspartner der Redakteure von Handicap on Air. Menschen mit Behinderung sprechen in diesem Radioprogramm auf Augenhöhe mit Entscheidungsträgern aus Politik und Gesellschaft. Das stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein der Beteiligten, sondern schafft Öffentlichkeit für die Belange behinderter Menschen.
Seit 2003 wird im Rahmen eines Bildungsangebots monatlich eine Hörfunksendung erarbeitet. Die Sendungen werden von einer Gruppe radiobegeisterter Menschen mit und ohne Behinderungen recherchiert, aufgenommen und moderiert. „Handicap on Air” will:

Menschen mit einer Behinderung die Teilhabe an Medienkommunikation ermöglichen

Begegnungsraum für Menschen mit und ohne Behinderung sein

Medienkompetenz vermitteln
Ab dem 1. September kann man die Sendung Handicap on Air im Internet unter laut.fm/leineradio  jeden ersten Sonntag von 13:00 – 14:00 Uhr live hören.Jeder, der Lust hat Radio zu machen, ist herzlich willkommen!  
Das „Leineradio“ wird mit verschiedenen Sendungen bespielt die vorher auf dem  Bürgerradiosender „Leinehertz 106,5“ liefen, dem die Sendelizenz entzogen wurde.
Quelle ist von hw-hannover.de

Information: Allgemeines zum Videotext der ARD

ARD Text: Wir über uns

ARD Text im Fernsehen

25 Zeilen zu je 40 Zeichen, sechs Farben, schwarz und weiß: So wurde der Teletext-Standard vor über 35 Jahren festgelegt. Seit 1980 fasst ARD Text die Weltlage in kurzen Meldungen zusammen. ARD Text kann über die Videotexttaste der Fernbedienung abgerufen und im Internet und über Smartphone genutzt werden. ARD Text ist auch für den Teletext von ONE und tagesschau24 verantwortlich sowie für viele Inhalte im ARD-alpha Videotext.

ARD Text – auch als App

Wer den ARD Text im Internet nutzen möchte, ruft ard-text.de auf. Dort gibt es die klassischen Seiten zu sehen, 1:1 wie auf Ihrem Fernsehgerät. Bei kleineren Displays wie Smartphones werden Sie automatisch auf die ARD Text-Mobilversion http://www.ard-text.de/mobil umgeleitet. ARD Text steht auch als App für IOS und Android zur Verfügung. Da wir nur Texte senden, ist das Datenvolumen gering. Die App ist weniger als ein 1 MB groß – für jede Menge aktueller Informationen bei geringer Bandbreite. Die Nutzer gaben uns dafür Bestnoten im Store.

Der sprechende Teletext

Ab sofort spricht der ARD Text auch zu Ihnen, wenn Sie das möchten. Wir haben für Smartspeaker von Alexa eine Anwendung entwickelt, die den Teletext zum Sprechen bringt. Sagen Sie einfach: „Alexa, öffne ARD Text“ und nennen Sie eine Seitennummer. Alexa liest Ihnen dann die Teletextseite vor. So ist der Teletext zum Beispiel auch für blinde Zuschauerinnen und Zuschauer bequem erreichbar.

ARD Text neu – mit HbbTV

Wenn Ihr TV-Gerät den Standard HbbTV unterstützt, können Sie den neuen Teletext ausprobieren. Die rote Taste der Fernbedienung ruft HbbTV auf, ein weiterer Druck auf die blaue Taste führt direkt zur modernen Aufmachung des klassischen Teletextes. Sie können den Text an Ihre Wünsche anpassen, Farben wählen und mit der Lupenfunktion die Schriftgröße verändern.

Teletext und Social-Media

Aktuelle Nachrichten aus dem ARD Text gibt es auch in den großen sozialen Netzwerken Facebook und Twitter.

Auf Facebook liefert ARD Text auf der Seite des Ersten neueste Meldungen: facebook.com/DasErste

ARD Text hat außerdem zwei Twitter- Accounts: Unter @ardtext gibt es Nachrichten, vor allem aus dem Bereich Sport. @ardtext777 wird für Teletwitter genutzt. Während ausgewählter Sendungen im Ersten werden auf der ARD Textseite 777 Kommentare von Zuschauerinnen und Zuschauern eingeblendet.

Kontakt zum ARD Text

ARD-Text

Marlene-Dietrich-Allee 20

14482 Potsdam

Hier finden Sie die Kontaktadressen (bspw. E-Mail) sowie Links zu weiteren Informationsseiten der Landesrundfunkanstalten rund um das Thema barrierefreier Medienzugang: https://www.daserste.de/specials/service/kontakt-122.html

Zuschauerredaktion der ARD

Fragen zum TV-Programm, zum Online-Angebot oder zum TV-Empfang? Die Zuschauerredaktion ist täglich von 09:00 bis 23:00 Uhr für Sie da.

Adresse:

Postfach 20 06 65

80006 München

Telefon: +49 89 5900-23344 (09:00 bis 23:00 Uhr)

Fax: +49 89 5900-24070

Auf https://www.daserste.de/specials/service/zuschauerredaktiondaserste-100.html gibt es auch ein Kontaktformular.

Quellen:

Videotext der ARD

https://www.daserste.de/specials/service/kontakt-122.html

https://www.daserste.de/specials/service/zuschauerredaktiondaserste-100.html

Willkommensgruß

Veröffentlicht von PaulaGrimm52
’nabend zusammen,
heute darf ich mitteilen, dass das Blog des Blinden- und Sehbehindertenvereins Kreis Kleve online ist und ab sofort Artikel über uns, das, was wir tun und wie wir Sehbehinderten und Blinden sowie ihren Angehörigen und Freunden helfen, veröffentlicht werden.
Wir freuen uns auf jeden Besuch dieses Blogs, Anregungen, Fragen Kritiken und das Teilen unserer Inhalte auf Euren Internetseiten oder in den sozialen Netzwerken.
Liebe Grüße
Christiane Quenel (BSKK)
Diesen Blog führe ich seit dem 31. März 2018. Hier können mir Leserinnen und Leser und Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit an Prosatexten über die Schulter blicken, Fragen Kritik schreiben und Anregungen geben und sich mit mir über ihre eigenen Lese- und Schreiberfahrungen austauschen. Und es würde mich freuen, wenn Ihr mich bei meinen Crowdfundings unterstützt! Herzlichen Dank für alles! Liebe Grüße Paula Grimm
Quelle ist von bskkblog.net

Nachruf zu Dorothee Kohlhaas

Ihr Markenzeichen war eine Brillenkamera, wie man sie auch aus Startrack kennt. Erst kürzlich hat sie eine Ausbildung zur Schriftdolmetscherin beendet und wollte diverse Kurse, unter anderem Englischkurse, anbieten. Dorothee hat sich zwei Jahre lang bei Cap4free engagiert. Für ihre ruhige und freundliche Art wurde sie in mehreren Whatsapp-Gruppen als Admin sehr geschätzt. Auch in Facebook war sie für unser Netzwerk aktiv.
Nun ist Dorothee im Alter von 50 Jahren gestorben. Wir erinnern uns in großer Dankbarkeit an eine engagierte Kameradin unseres Teams und wünschen ihrem Mann und ihren beiden Hunden, dass sie den Verlust ihrer Frau/ihrer Bezugsperson gut verarbeiten können.

Ein paar Klischees über blinde Menschen

Ein Gastbeitrag von Lydia Zoubek Auf diesem Bild sieht man eine Frau die lacht. Sie hat dunkle gelockte Haare, die nach hinten zusammen gebunden sind. Zusätzlich trägt sie eine rot-orange getönte Sonnenbrille. Bekleidet ist sie mit einem grünen T-Shirt. Im Hintergrund sieht man das Meer und eine kleine Gruppe von Menschen, die im Meer bzw am Strand sich bewegen.
Lydia sitzt in einem Boot.
Zu meinem 200sten Beitrag habe ich mir ein besonderes Thema ausgesucht.
Es gibt eine Menge Mythen und Klischees, die sich um Menschen mit einer Sehbehinderung ranken.
Der Klassiker ist, dass blinde Menschen in ewiger Dunkelheit leben, und sich nichts sehnlicher wünschen, als irgendwann einmal sehen zu können. Diese Aussage wird in der Regel von normal sehenden Menschen gemacht, die sich blindsein wie folgt vorstellen: Ich mache die Augen zu, und sehe gar nichts mehr. Und dann bin ich ganz hilflos, alles ist schrecklich, wenn man mit Blindheit geschlagen ist.
Richtig ist, dass nur ca. vier Prozent aller blinden Menschen wirklich gar nichts mehr sehen. Alle anderen, die dem Gesetz nach als blind gelten sehen bis zu zwei Prozent auf mindestens einem Auge. Diese zwei Prozent klingen erst mal nach sehr wenig. Jedoch kann man sich damit möglicherweise noch orientieren, mit einer starken Lupe lesen oder diesen auf andere Weise einsetzen. Das ist von der vorliegenden Augenerkrankung und dem Betroffenen selbst abhängig.
Die meisten Sehbehinderungen treten im Alter auf. Daher sind die meisten blinden Menschen bereits über 60 Jahre alt. Und jemand, der immer normal gesehen hat, wird sich wünschen wieder sehen zu können, denn eine Sehbehinderung stellt das gesamte Leben auf den Kopf. Menschen, die von Geburt an blind sind, wissen oft nicht was normal sehen heißt. So, und wenn ich etwas nicht kenne, wie soll ich es dann vermissen? Also, ich hatte nie den Wunsch normal sehen zu können, denn das was ich kenne ist mein kleiner Sehrest von ca. 2 %. Und mit diesem habe ich mich mein Leben lang arrangiert. Was ich nicht sehen kann, erschließe ich mir durch meine anderen Sinne oder organisiere mir auch mal technische oder sehende Hilfe. Und, solange das funktioniert, sehe ich keinen Grund daran etwas zu verändern.
Blinde brauchen sehende Betreuung im Haushalt.
Auch das kommt aus der Perspektive „Ich mache die Augen zu und bin hilflos“. Es gibt eine Menge Tricks, Techniken und Hilfsmittel, die ein eigenständiges, und vor allem selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Dazu gehören Orientierung oder lebenspraktische Fertigkeiten wie Kochen, Putzen oder Wäschepflege. Es gibt spezielle Lehrkräfte, die einem diese Techniken vermitteln. Dazu muss man sich, wenn man als Erwachsener erblindet, dafür entscheiden seine Selbstständigkeit wiederzuerlangen. Kostenlosen Rat und Hilfe bei Sehverlust bieten die Beratungsstellen von Blickpunkt Auge an. Hier sind auch Angehörige betroffener Personen willkommen. Eine weitere Quelle mit einem umfangreichen Angebot ist der deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV.
Blinde sind besonders musikalisch und können Noten besonders gut hören. Dieses absolute Gehör hat nichts mit dem fehlenden Sehsinn zu tun. Zu meiner Schulzeit gab es an der Blindenschule ein umfangreiches Musikangebot. Aber es gab auch ein vielfältiges Sportangebot, Kunst, Debattierkreise und naturwissenschaftliche AGs, sowie in anderen Schulen auch.
Blinde Menschen sind ebenso vielseitig wie nicht Betroffene. Und uns gibt es mit allen menschlichen Eigenschaften, in allen Graden von Höflichkeit und Anstand und in Geschmacksrichtungen. Das Einzige, das wir gemeinsam haben, ist die Sehbehinderung. Und diese ist nichts weiter als eine Eigenschaft von ganz vielen. So wie bei nicht blinden Personen auch.
So, und damit es nicht zu theoretisch bleibt, lege ich Euch noch zwei Beiträge ans Herz, die meine Aussagen unterstreichen. Kuchen backen, wenn man blind ist, und blind mit Medikamenten umgehen.
Auf lydiaswelt schreibe ich für sehende Personen verständlich über meinen Alltag als blinde Mutter mit sehenden Kindern. Ich beantworte Fragen, die sich um meinen Alltag und meine Herkunft aus Jordanien drehen. Und so findet Ihr mich:
Blog: http://www.lydiaswelt.com        Besuche meine Facebookseite: https://www.facebook.com/Lydiaswelt-167792564045737/
oder folge mir auf Twitter: https://twitter.com/lydiazoubek

Hochgradig sehbehindert ist wie jeden Tag Halloween

Lizzi
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Wir machen ein kleines Experiment zu Halloween
Stelle dir vor, du gehst die Straße entlang. Alle Menschen, die dir begegnen, sind verkleidet. Sie sind aufwändig kostümiert und tragen passende Masken. Manche sind geschminkt, manche verdecken ihre Gesichter gänzlich mit Zombiefratzen. Du hast keine Ahnung, wer dahintersteckt. Fremde Passanten? Kollegen? Deine Nachbarn? Alte Schulkameraden? Deine eigene Mutter? Du weißt nicht, mit wem du es zu tun hast, bis dein Gegenüber das Geheimnis lüftet.
Du versuchst, über Statur und die Art der Verkleidung zu erraten, ob es sich um Männer oder Frauen handelt, aber es ist nicht leicht. Was zur Hölle soll dieses fellbedeckte Etwas überhaupt darstellen?
Und jetzt stell dir vor, dass jeden Tag Halloween ist. Wann immer du deine Wohnung verlässt und dir andere begegnen, sind sie maskiert und du hast keine Chance, sie zu identifizieren. Das beruht nicht auf Gegenseitigkeit, denn du bist einfach du – ohne Maske, ohne Kostüm. Sie können dich deutlich sehen und erkennen. Ja, du fühlst regelrecht, wie ihre Blicke dich erfassen, wie sie dich beobachten, wie sie jedes Detail an dir scannen. Sehen kannst du ihre Augen nicht, aber du weißt, dass sie deinen Schritten damit folgen. Jeder erkennt dich, aber du bist umgeben von Gesichtslosen.
Wie fühlst du dich dabei? Gruselig? Unsicher? Ängstlich? Läuft dir ein kalter Schauer über den Rücken, weil du dir nackt und hilflos unter den gefühlten Blicken vorkommst? Spürst du ein Quäntchen heiße Wut in dir hochkochen, weil alle so viel über dich wissen, während sie von sich nichts preisgeben? Willst du ihnen nicht allzu gerne die Masken herunterreißen, damit ihr endlich auf Augenhöhe seid? Damit du dich nicht mehr unterlegen und ausgeliefert fühlst?
Wach auf… wenn du kannst
Herzlich willkommen in meinem persönlichen Albtraum. In meiner düsteren Realität. Das erlebe ich jeden Tag mein Leben lang. Nein, paranoid bin ich nicht. Nur fast blind.
Das kann ganz schön beklemmend sein, oder? Für mich fühlt es sich jedenfalls oft so an. Zugegeben, ich denke nicht bei jedem Schritt so intensiv darüber nach, das darf ich auch nicht. Sonst würde ich verrückt werden. Ich habe gelernt, es zu akzeptieren. Meistens. Trotzdem ist es eine Tatsache, die mich am Sehbehindertsein sehr stört. Ich fühle mich ständig ausgeliefert, beobachtet, unsicher.
Lizzis Gesicht ganz verzerrt und verschwommen.
Ganz besonders, seit ich mich mit den gelben Armbinden kennzeichne. Sie zeigen allen anderen meine Behinderung, während ich gar nichts über sie weiß. Es tröstet mich kaum, dass nicht jeder die Bedeutung der drei schwarzen Punkte auf gelbem Grund kennt. Im Gegenteil. Wenn ich schon so viel von mir preisgebe, würde ich mir wünschen, dass diese Botschaft wenigstens ankommt. Und wirkt. Aber es ist eine fehlerhafte Nachricht. Weil so viel mitschwingt, das nicht dahin gehört. Weil Blinde gemeinhin nämlich nicht eigenständig lebensfähige Stubenhocker sind, die bestenfalls in Werkstätten arbeiten. Nur, dass ich gar nicht blind bin, einen Vollzeitjob habe, am liebsten draußen bin und… aber das ist eine andere Geschichte. Die passt nicht auf eine gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten.
Was kann man tun? Ideen?
Einfach damit leben. Ändern kann ich es nicht. Natürlich habe ich gelernt, mit meinen anderen Sinnen zu erkennen. Der Werwolf dort trägt ein sehr feminines Parfum. Dieser Pirat da hat eine tiefe, männliche Stimme. Die gebeugte Hexe mit Stock bewegt sich wie eine alte Frau, ihr aufrechter Trollbegleiter folgt dem Bewegungsmuster eines durchtrainierten jungen Mannes.
Zum Glück senden wir mehr als nur visuell erkennbare Informationen aus und bloßes Sehen ist nur die halbe Miete. Wie Sherlock Holmes habe ich als fast Binde eine äußerst ausgefeilte Kombinationsgabe entwickelt. Ich habe gelernt, Muster zu lesen und auf kleine Details zu achten und das Wahrgenommene nicht nur als solches hinzunehmen, sondern die Bedeutung dahinter zu ergründen. Eine Stimme nicht nur zu hören, sondern die Stimmlage und das Gesagte zu erfassen. Aus vielen dieser Kleinigkeiten ergibt sich ein aussagekräftiges Gesamtbild, das mich manchmal sogar mehr wissen lässt, als den sehenden Beobachter.
Für meinen nicht ganz trägen Verstand und meine sensible Intuition bin ich sehr dankbar. Aber erliege nicht dem Trugschluss. Sie ersetzen das fehlende Augenlicht nicht. Mach dir da nichts vor. Unsere Welt funktioniert zu 90 % oder mehr über das Visuelle, sowohl in der Wahrnehmung als auch in der Kommunikation. Das ist ein Fakt. Mit meiner anders geschulten Wahrnehmung gelingt es mir, in dieser Welt, die nicht für mich gemacht ist, zu überleben, klarzukommen.
Was ein Sehender mit einem Blick erkennt, erarbeite ich mir über viele andere Wege. Ein bildlicher Vergleich wäre, dass für jeden Schritt, den ein visuell gesunder Mensch tut, ich eine kleine Wanderung unternehmen muss. Ob wir überhaupt am selben Ziel ankommen, ist dabei nie sicher. Damit möchte ich sagen, dass eine Sehbehinderung über alle Maßen anstrengend ist und dass kein Hilfsmittel, weder ein Langstock, noch ein Smartphone, noch irgendetwas anderes dieses Fehlen des Sehens vollständig ausgleichen kann. Wer das glaubt, erliegt einer Illusion oder macht sich etwas vor. Es sind alles Linderungen, Kompensationen, aber niemals ein Ausgleich. Vielleicht in einzelnen isolierten Situationen, aber niemals zur Gänze.
Wie wäre es mit Obstsalat? Löse dich vom falschen Vergleich
Einfach ein normales Leben führen, das wünschen sich viele Behinderte. Tut mir leid, es gibt kein normales Leben für uns, jedenfalls nicht, wenn man es mit Gutsehenden vergleicht. Unser Dasein entspricht nicht der Norm. Wir werden niemals ein Leben wie gesunde Menschen führen. Das ist, als würde man Äpfel und Birnen vergleichen. Aus einer Birne kannst du keinen Apfelsaft machen. Aus einem Apfel kein Birnenkompott. Sehr negativ? Keinesfalls, denn beides zusammen ergibt einen köstlichen Fruchtsalat. Aber nicht, wenn man so tut, als würden Birnen wie Äpfel schmecken. Oder als sollten sie das. Wieso akzeptieren wir nicht, dass beides nicht dasselbe ist und geben beiden Früchten einen Platz in der Schüssel? Wie soll man akzeptiert werden, wenn man selbst nicht akzeptiert, was man ist?
Für mich ist jeden Tag Halloween
Ich bin die, die mit gelben Armbinden im Scheinwerferlicht steht, geblendet von der Helligkeit und unfähig, über den kleinen Lichtkegel hinweg zu sehen. Die Welt um mich herum liegt im Dunkeln und nur, wer mit seinen ureigenen Geräuschen und Gerüchen zu mir ins Spotlight tritt, betritt auch die Bühne meiner physischen Welt, während mein Verstand über dem gefangenen Körper steht und die Weiten der Welt durchdringt.
EIne Gestalt mit Sonnenbrille und Hut ohne Gesicht
Willst du mir eine Freude machen?
Dann ruf dir das nächste Mal, wenn du eine Straße entlang gehst oder du in der S-Bahn sitzt, doch unser kleines Halloween-Experiment in Gedanken. Stelle dir vor, dass alle um dich herum unkenntlich und gesichtslos sind. Was mir das bringt? Mehr, als du denkst, denn du wirst fühlen, was ich täglich fühle und durch dieses emotionale Nachempfinden meiner Situation wird dein Horizont weiter. Das ist toll für dich und für mich. Wer weiß, vielleicht wagst du es dann eines Tages, einem behinderten Menschen, den du triffst, deine Hilfe anzubieten. Und zwar nicht, weil du denkst, das gehöre sich oder weil du mal gelesen hast, dass man Blinden über die Straße helfen soll. Nein, wenn du wirklich verstanden hast, worum es geht, was es bedeutet, behindert zu sein, kannst du ehrlich und aufrichtig helfen. Und dein Verständnis für Menschen in anderen Situationen – losgelöst von Handicaps – ist wahres Gold für die Menschheit. Und wenn jeder seine Fähigkeit zur Empathie schult und lernt, die Perspektive zu wechseln, dann wird dir ebenfalls jemand zur Seite stehen, wenn du eine helfende Hand benötigst.
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Sag mal, wie hast du dich bei diesem kleinen Experiment gefühlt? Wie ging es dir dabei? Was hast du gedacht? Hast du mal etwas Vergleichbares erlebt? Über deinen Kommentar würde ich mich herzlich freuen, schließlich hast du meine Gedanken gelesen und jetzt würde ich gerne deine kennenlernen!
Quelle ist von andersunddochgleich.de

Sendung 28: Gewalt an Menschen mit Behinderungen

barrierefrei aufgerollt
[Musik barrierefrei aufgerollt – kurz kompakt und leicht verständlich]
Katharina Müllebner: Herzlich Willkommen zur heutigen Sendung von barrierefrei aufgerollt von BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben. Am Mikrophon begrüßt Sie Katharina Müllebner.
„Wenn ich als Kind in die Hose gemacht habe, bekam ich lange nichts zu Essen. Ich wurde geschlagen, wenn ich schlimm war. Sie haben mich an den Haaren gezogen. Am Badetag wurde das Wasser nicht gewechselt. Wenn du als 10. dran warst, war es dreckig und kalt. Aber am schlimmsten war das Essen, das haben sie uns reingestopft.“
Das war ein Auszug aus dem Kurier-Artikel „Wenn Helfer zu Tätern werden“ aus dem Jahr 2010.
Das Thema, über das wir heute sprechen, Gewalt, ist leider immer wieder aktuell. Im Jahr 2011 äußerte der Monitoring-Ausschuss zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen dringenden Handlungsbedarf in Bezug auf Gewalt und Missbrauch an Menschen mit Behinderungen.
Auch aktuelle Studien belegen, dass Menschen mit Behinderungen, vor allem Frauen, einem viel höheren Gewaltrisiko ausgesetzt sind als Menschen ohne Behinderungen.
Zwei Studien haben sich derzeit mit dem Thema Gewalt an Menschen mit Behinderungen auseinandergesetzt. Ein von 2013 bis 2015 durchgeführtes EU-Projekt mit dem Titel „Zugang von Frauen mit Behinderungen zu Opferschutzeinrichtungen bei Gewalterfahrungen“ hat sich die Frage gestellt, ob Frauen mit Behinderungen die Gewalt erlebt haben, Hilfestellungen und Serviceleistungen von Opferschutzeinrichtungen im gleichen Ausmaß in Anspruch nehmen können wie Frauen ohne Behinderungen.
Eine weitere von 2017 bis 2019 durchgeführte Studie mit dem Titel „Erfahrungen und Prävention von Gewalt an Menschen mit Behinderungen“ ist eine österreichweite Erfassung unterschiedlicher Gewalterfahrungen von Menschen mit Behinderungen. Die Studie bezieht sich auf erwachsene Personen, die in Institutionen leben. Ziel war es aber, Gewalterfahrungen aus allen Lebensbereichen zu erheben.
In dieser Sendung sprechen wir mit Elisabeth Löffler, die uns über ihre Erfahrungen in der Begleitgruppe zur Studie „Zugang von Frauen mit Behinderungen zu Opferschutzeinrichtungen“ berichtet. Die Themen Beratung und Unterstützung begleiten uns auch weiterhin. Ein weiterer Gast, Lisa Udl, arbeitet für die Beratungsstelle Ninlil, eine Beratungsstelle für Frauen mit Behinderungen.
Nicht nur Frauen können von Gewalt betroffen sein, sondern auch Männer. Hubert Steger von der Männerberatung Wien gibt uns Einblick in seine Beratungstätigkeit bei der Betroffenenberatung für Männer.
[Überleitungsmusik]
Katharina Müllebner: Elisabeth Löffler ist ausgebildete Peer-Beraterin und Lebens- und Sozialberaterin mit dem Schwerpunkt Sexualität. In ihrer Arbeit ist sie sehr oft mit dem Thema Gewalt an Frauen mit Behinderungen konfrontiert.
Katharina Müllebner: Frau Löffler, bitte erzählen Sie uns etwas über die Studie „Zugang von Frauen mit Behinderungen zu Opferschutzeinrichtungen“.
Elisabeth Löffler: Die Studie hat zwei Jahre gedauert, es war ein EU-Projekt und es waren ein paar Länder beteiligt, Österreich, England, Island und Deutschland. Ich selber war als Expertin und Frau mit Behinderung eingeladen in der Begleitgruppe zu dieser Studie einfach dabei zu sein.
Katharina Müllebner: Was waren denn die zentralen Fragestellungen der Studie?
Elisabeth Löffler: Wie gut werden Frauen mit Behinderungen, die schon Gewalt erfahren haben, unterstützt von Opferschutzeinrichtungen – im feministischen Bereich sagt man gerne Gewaltschutzeinrichtungen, um sichtbar zu machen, dass es hier um Gewalt geht.
Wie gut ist der Zugang/wie gut zugänglich sind Opferschutzeinrichtungen bzw. Unterstützungseinrichtungen wie zum Beispiel Frauenhäuser?
Was besonders an dieser Studie war, dass die ganzen zwei Jahre lang Frauen mit Behinderungen einbezogen waren, eben ich zum Beispiel in der Begleitgruppe.
Und ein großes Ziel war auch die Sichtbarkeit und nicht nur wieder eine weitere Studie zu machen, sondern ein Ergebnis dazwischen waren eben zwei Broschüren, wobei eine Broschüre wirklich auch für Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen erstellt wurde.
Um nicht nur wieder eine Studie zu machen, die irgendwo in einer Schublade landet, sondern die auch für Frauen mit Behinderungen eine Wirkung hat und auch verteilt werden kann. Das finde ich etwas ganz Besonderes an dieser Studie.
Katharina Müllebner: Was waren denn so die wichtigsten Ergebnisse der Studie?
Elisabeth Löffler: Also es gab ja zwei große Gruppen, die befragt worden sind, nämlich die Gruppe, an die sich Frauen mit Behinderungen wenden können oder eben nicht können.
Und da war das Größte für mich als Frau mit Behinderung nicht überraschend die Barrierefreiheit auf der räumlichen Ebene und dass es einfach auch diese Informationsbarriere gibt, also für gehörlose Menschen nicht wirklich Zugang zu Opferschutzeinrichtungen haben, es für Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht wirklich leichte Sprache gibt.
Ganz interessant war, dass oft die Einrichtungen, also die Einrichtungen selbst sich überfordert fühlen aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen und personeller Ressourcen und das unbedingt ausgebaut werden soll die Peer-Beratung für Menschen mit Behinderung und die Ausbildungsmöglichkeiten für Personal, das in Frauenberatungsstellen arbeitet, das die Broschüren automatisch auch angeben, dass sie für Frauen mit Behinderungen zugänglich sind sogar wenn sie nicht zugänglich sind, aber dass sie das Thema Frauen mit Behinderung und Gewalt überhaupt thematisieren und sagen ja, wir beraten auch Frauen mit Behinderungen.
Aber auch und das ist vielleicht eines der wichtigsten Dinge, ihnen wird nicht geglaubt, dass es vor allem auch diesen, jetzt würde ich mal salopp sagen, politischen Willen braucht, um das Thema nicht nur sichtbar zu machen, weil alle wissen es, aber auch dafür Geld in die Hand zu nehmen, um die Rahmenbedingungen zu verbessern.
Katharina Müllebner: Was genau war diese Begleitgruppe, was haben Sie da gemacht?
Elisabeth Löffler: Es gab am Anfang Online-Fragebögen, es wurden zum einen Gruppeninterviews gemacht mit verschiedenen Frauen mit Behinderungen aus Österreich. Und in diesen Gruppeninterviews war zum Beispiel immer eine Frau mit und ohne Behinderung als Leiterin anwesend und viel Input konnte ich auch geben bei der Broschüre selber.
Was soll in dieser Broschüre stehen, zu besprechen, wie die Broschüre tatsächlich ausschauen wird, was sind wirklich relevante Dinge, die in einer Broschüre sein sollen, damit es auch nicht zu groß wird zum Beispiel, damit sie wirklich nutzbar auch ist für Frauen mit Behinderungen.
In der Begleitgruppe zum Beispiel um ganz konkret zu sein, dass wenn man mit Menschen mit Behinderung, Frauen mit Behinderung fragt über ihre Gewalterfahrungen, sind wir dann im Gespräch sozusagen haben wir gesagt, da müssen unbedingt erstens mal Frauen mit Behinderungen die Interviewpartnerinnen sein als Peer und es muss auch immer eine professionelle Begleitung in der Nähe sein, falls im Interview sozusagen Gefühle, Erinnerungen oder Traumas auftauchen, damit diese Person dann auch wirklich begleitet wird.
Und nicht nur ein Interview geführt wird, aber die Person mit Behinderung dann mit diesen Gefühlen und allem, was dann immer wieder neu reaktiviert wird, alleingelassen wird.
Die Frauen mit Behinderungen, die interviewt worden sind, haben zurückgemeldet, dass für sie das eines der wichtigsten Dinge war, dass sie gehört worden sind. Was uns nicht gelungen ist trotz vielen Bemühungen zum Beispiel Frauen mit Sehbehinderungen oder blinde Frauen überhaupt für die Studie zu erreichen.
Katharina Müllebner: Woran liegt das, dass Frauen mit Behinderungen häufiger von Gewalt betroffen sind als Frauen ohne Behinderungen?
Elisabeth Löffler: Kinder mit Behinderungen, die sozusagen auf die Welt kommen, die Behinderung wird diagnostiziert, sag ich dann gerne, kommen dann schnell in den ganzen Zirkus, sag ich mal, von wieder repariert zu werden und plötzlich ist der Körper nur mehr er wird reduziert auf seine Funktion und die Kinder bekommen Frühförderung, werden operiert, werden therapiert, können sich vielleicht nicht selber anziehen und werden angezogen und ausgezogen.
Aber sie werden selten gefragt: Willst du das? Das heißt der Körper wird dauernd berührt und angegriffen als Kinder sag ich jetzt, ohne gefragt zu werden, ob ihnen das angenehm ist, unangenehm und immer zu ihrem Besten. So wird es ihnen dann vermittelt oder es tut weh, aber die Eltern sagen: „ah ist schon gut, das ist zu deinem Besten“ oder „der Doktor muss das jetzt machen, weil…“
So bekommen diese Kinder auch kein Gefühl für ihren Körper als etwas, das ihnen gehört, über das sie bestimmen können und selten werden Therapien oder Operationen oder berührt werden als etwas Positives wahrgenommen. Es wird im Spital gemacht, oder in den Therapiezentren oder oder oder und dann ist es natürlich ein langer Prozess oder er findet nie statt auch mal zu sagen: „Nein, ich will das nicht“. Jetzt mach ich einen großen Zeitsprung dann wird man vielleicht von jemandem berührt oder missbraucht und denkt sich: „Mmh, gehört sich hald so, bin ich ja eh gewohnt“.
Also eine interessante… ein Detail dieser Studie war auch, dass die Frauen mit Behinderung oft erst durch diese Fragen draufgekommen sind, das war überhaupt Gewalt.
Weil für diese Frauen war es ganz normal, dass sie gerissen werden oder gestoßen werden oder beschimpft werden oder aufgrund ihrer Behinderung sozusagen diskriminiert werden. Das war für sie erst während der Fragen „Aha, das ist Gewalt. Aha, das darf die Person nicht mit mir tun, mich reißen, mich zwicken, mir Schuhe anziehen, die mir schon längst nicht mehr passen, mir Hilfsmittel verweigern oder wegnehmen, wenn ich nicht brav bin.“ Also das fällt ja auch alles unter Gewalt.
[Überleitungsmusik]
Katharina Müllebner: Elisabeth Udl arbeitet für den Verein Ninlil Empowerment und Beratung für Frauen mit Behinderungen. Als Leiterin des Bereichs „Kraftwerk“ beschäftigt sie sich vor allem mit dem Thema Gewalt an Frauen mit Lernbehinderungen und Mehrfachbehinderungen.
Katharina Müllebner: Frau Udl, bitte erzählen Sie uns etwas über Ihre Arbeit.
Elisabeth Udl: Ja also genau genommen haben wir beim Verein Ninlil Angebote für Frauen mit Lernschwierigkeiten und zwar sind wir spezialisiert auf die Arbeit gegen sexualisierte Gewalt an Frauen mit Lernschwierigkeiten.
Das heißt, zu uns können einerseits Frauen kommen mit Lernschwierigkeiten, die Gewalt erlebt haben oder zum Beispiel auch in einer Gewaltbeziehung sind. Das heißt, das kann eine Beziehung sein, die oft über weite Strecken gut ist, aber immer wieder auch Gewalt im Spiel ist und wo die Frauen Beratung suchen wie können sie da für sich einen guten Weg finden entweder die Beziehung zu beenden oder auch in der Beziehung einen besseren Weg für sich zu finden, wie sie da selbstbestimmt und gewaltfrei leben können.
Also das ist der Teil wo wir Beratung ganz konkret anbieten, dann arbeiten wir auch aber sehr viel breiter gegen das Thema sexualisierte Gewalt an Frauen mit Lernschwierigkeiten.
Das heißt, wir haben auch Angebote für Betreuerinnen, wir haben Workshop-Angebote, wir haben Empowerment-Seminare für Frauen mit Lernschwierigkeiten, also Arbeit im Bereich der Prävention der Vorbeugung von Gewalt. Wir machen auch immer wieder Vorträge, wir schauen, dass wir bei Tagungen sind, bei Konferenzen, wir sind in vielen Vernetzungen. Es gibt eine Vernetzung von österreichischen Frauenberatungsstellen wo wir auch sehr aktiv sind, damit eben auch Frauenberatungsstellen, die sich eigentlich von der Zielgruppe her sich erstmal an nicht behinderte Frauen richten, damit auch die Themen von Frauen mit Behinderungen kennenlernen und ein bisschen mehr hinschauen können auch.
Katharina Müllebner: Was würden Sie sagen, sind Frauen mit Lernschwierigkeiten häufiger von Gewalt betroffen als Frauen ohne Behinderungen?
Elisabeth Udl:  Ja, also da muss ich leider, ist die Antwort auf jeden Fall ja.
Ich arbeite jetzt seit 2006 in dem Verein und habe also auch schon viel eigene Erfahrung. Aber es gibt auch Studien zu dem Thema und die Studien, die es gibt, sagen, dass Frauen mit Lernschwierigkeiten ungefähr doppelt so häufig von sexualisierter Gewalt betroffen sind im Vergleich zu nichtbehinderten Frauen.
Katharina Müllebner: Woran meinen Sie liegt das?
Elisabeth Udl:  Also nach allem, was wir wissen und – also da ist jetzt wieder hauptsächlich unser Erfahrungswissen das, was ich erzählen kann, hängt das vor allem mit Abhängigkeiten zusammen. Also jede Form von Abhängigkeit ist leider ein Nährboden für Formen von Gewalt.
Das heißt strukturelle Gewalt macht, dass andere Formen von Gewalt häufiger vorkommen. Wenn jemand in einer Beziehung, wenn eine Frau von einem Mann abhängig ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass da auch Gewalt passieren kann.
Und Frauen mit Lernschwierigkeiten, das wissen wir, leben einfach in vielfältigen Abhängigkeiten und das mit dem, darum haben wir auch diese Empowerment-Seminare, weil die Selbstbestimmung das Wissen, das man über sich und über den eigenen Körper und über das ganze Leben grundsätzlich selbst bestimmen kann, das ist oft etwas, was auch erwachsenen Frauen mit Lernschwierigkeiten nicht genug/ was sie im Alltag nicht genug erleben. Sondern es ist oft so, dass der Alltag in betreuten Strukturen einer ist, wo Selbstbestimmung nur ganz wenig möglich ist und wo oft auch zum Beispiel, also die Ressourcen reichen dann einfach nicht, dass zum Beispiel Frauen ihre Freizeit selbstständig gestalten können.
Frauen, die Begleitung brauchen, wenn sie ins Kino gehen wollen, können das oft nicht machen, wenn sie in einer WG leben, wo es halt nicht so viele Ressourcen gibt, dass jede Person, die dort lebt, bei der individuellen Freizeit, also bei dem, was sie selber machen will, unterstützt wird. Und das ist halt auch / also da kann man sozusagen gleich eine Geschichte daraus machen.
Das macht dann halt auch möglich, dass zum Beispiel jemand, der eine Frau sexuell auch ausnutzen will und der Gewalt ihr gegenüber ausüben will, der sie vergewaltigen will, dass der sie quasi vorher schon in eine Abhängigkeit bringen kann, indem er ihr zum Beispiel sagt, na ja, wenn mit mir mitgehst, dann zahle ich dir einen Kaffee. Dann können wir miteinander ins Kino gehen, wir können lauter schöne Sachen machen miteinander. Und das ist ja, überhaupt bei sexualisierter Gewalt, bei Missbrauch, sehr oft so, dass die Täter zuerst ein Netz spannen aus Lügen und aus netten Tätigkeiten sozusagen, oder wo man miteinander etwas Nettes unternimmt.
Und wenn es dann zum Übergriff kommt, dann, das sind ganz bewusste Strategien von den Tätern, dass die dadurch auch geschützt sind, weil dann dadurch auch das Umfeld von der Frau sagt, na ja der, der würde so etwas nie machen, der ist doch so nett, der macht doch so – der unternimmt doch ständig Sachen mit ihr, das hat sie bestimmt falsch verstanden, dass hat der nicht so gemeint. Also das ist auch eine ganz gezielte Strategie der Täter, um sich selbst zu schützen.
Katharina Müllebner: Was fällt denn alles unter sexualisierte Gewalt?
Elisabeth Udl:  Wir haben beim Verein Ninlil die Definition, dass jede Handlung, die die persönlichen Grenzen einer Frau überschreitet, ob das jetzt die körperlichen Grenzen sind oder gefühlsmäßige Grenzen, also jede Handlung, die diese Grenzen überschreitet, ist Gewalt. Da ist ein Übergriff.
Und das Besondere an dieser Art der Definition ist, dass die Frauen selber, die einzigen sind, die sagen können, ob das jetzt ein Übergriff war oder nicht.
Und das ist deshalb so wichtig, weil es Frauen oft passieren, dass die zum Beispiel erzählen, der hat mich an der Brust angegriffen und ich wollte das nicht. Und dann wird Frauen mit Lernschwierigkeiten, die zum Beispiel auch bei der Pflege Unterstützung brauchen, wird ihnen gesagt, aber das hat er ja nicht so gemeint, das war kein Übergriff, das war nicht so gemeint, das hast du sicher falsch verstanden.
Katharina Müllebner: Wenn ich jetzt von Gewalt betroffen bin, was kann ich da tun?
Elisabeth Udl: Also unsere Empfehlung ist immer, sich Hilfe zu holen. Und Hilfe holen, das kann verschiedene Sachen heißen. Das kann heißen, ich erzähle es jemandem, den ich mag und dem ich vertrauen kann. Das ist meistens der wichtige erste Schritt. Es kann aber auch heißen, ich rufe gleich mal in einer Beratungsstelle an.
Es gibt ja in Österreich. Es gibt eine österreichweite Infonummer, also nicht Infonummer, sondern Hilfsnummer, Beratungsnummer, das ist die Frauenhelpline. Und dann gibt es in Wien den 24 Stunden Notruf. Also diese beiden Nummern sind beide 24 Stunden erreichbar. Und dann gibt es eben in Wien auch spezialisiertere Beratungsstellen, Beratungsstellen, die auf das Thema sexualisierte Gewalt spezialisiert sind und auch uns, die wir auf die Beratung für Frauen mit Behinderungen spezialisiert sind.
Also in all diesen Beratungsstellen kann man anrufen. Bei den Telefonhotlines kann man auch direkt ein Beratungsgespräch kriegen. Bei den Beratungsstellen ist es meistens so, dass man einen Termin ausmachen muss.
Also Hilfe holen ist immer gut, auch wenn ich zum Beispiel noch gar nicht weiß, ist das, was mir da jetzt passiert Gewalt? Irgendetwas fühlt sich nicht so richtig an. Also man muss, wenn man sich in einer Beratungsstelle Hilfe holt, dann muss man sich nicht sicher sein. Da kann man ganz/ das kann man auch machen, um sich ein bisschen mal beraten zu lassen und Orientierung zu kriegen.
Ich nenne deswegen zuerst die Beratungsstellen und eben nicht zuerst die Polizei, weil wenn man bei der Polizei eine Anzeige macht, dann gehen viele Sachen los, die man dann vielleicht nicht mehr kontrollieren kann.
Das heißt, wenn man/ also da muss man, wenn eine Anzeige ist, dann muss man nachher Aussagen machen. Dann wird man immer wieder mal angerufen, dann muss man/ also, nicht immer wieder mal angerufen, aber man muss einfach dann auch zur Verfügung stehen, um noch mal Aussagen zu machen und so.
Und deshalb empfehlen wir, bevor eine Frau eine Anzeige macht, dass sie sich Beratung holt, zum Beispiel bei einem der beiden Notrufe in Wien. Die bieten nämlich etwas an, das heißt Anzeigeberatung. Da kann man sich, bevor man die Anzeige macht, ganz genau erklären lassen, was macht denn die Polizei mit der Anzeige? Wie oft muss ich dann da hin? Wie sind die Aussichten? Kann ich da Begleitung kriegen und Unterstützung? Es gibt nämlich dann auch etwas, das heißt Prozessbegleitung.
Man kann eine sowohl juristische als auch psychosoziale Begleitung und Beratung kriegen, wenn man eine Anzeige gemacht hat und wenn es dann zu einem Prozess kommt.
Also wir empfehlen unbedingt, dass man sich bevor man eine Anzeige macht, auch schon Unterstützung sucht. Und ganz wichtig noch, also wir sagen nicht statt einer Anzeige soll man sich Beratung holen, sondern als Vorbereitung. Es ist nicht, dass wir abraten von einer Anzeige, aber vorbereitend sich beraten zu lassen kann enorm helfen.
[Überleitungsmusik]
Katharina Müllebner: Auch Männer mit Behinderungen können von Gewalt betroffen sein. Hubert Steger von der Männerberatung Wien ist als klinischer Gesundheitspsychologe für den Bereich Opferschutz und Prozessbegleitung verantwortlich. Aber auch für andere Bereiche wie Väterarbeit oder allgemeine Beratung für Männer.
Katharina Müllebner: Herr Steger, welche Erfahrungen hat Ihre Stelle mit dem Thema Gewalt an Männern mit Behinderungen gemacht?
Hubert Steger: Menschen, Männer, Buben, Burschen mit Behinderungen sind immer wieder, sind sie auch eben bei uns, gehen bei uns in Beratung, holen sich Informationen von uns, dass sie eben auch von Gewalt betroffen sind, dass sie Gewalterfahrungen machen.
Und in verschiedenster Art und Weise, teilweise eben auch einfach durch die Strukturen, in denen sie leben oder manchmal auch aufgrund ihrer Handicaps leben müssen, erfahren sie auch Formen von struktureller Gewalt.
Also dass die Strukturen nicht adäquat sind, dass sie dadurch benachteiligt sind, dass sie durch Lebensumstände und Hindernisse haben, die eigentlich nicht sein müssten. Und dass sie eben auch betroffen sind von körperlicher Gewalt, dass sie sich da nicht adäquat auch artikulieren können und sich nicht adäquat dagegen wehren können und manchmal auch nicht Gehör kriegen.
Manchmal solche Formen von Gewalt auch einfach weiter bestehen bleiben oder weitergehen.
Dasselbe betrifft auch sexuelle Gewalt ja, also das ist ein Tabuthema überhaupt unter Männern mehr als bei Frauen, bei Frauen ja auch, bei Männern noch mehr, weil es so schambesetzt ist.
Also das Thema Gewalt an Männern ist etwas, das ich immer wieder schwierig finde zu kommunizieren, das ist ein unterbelichtetes Thema es ist sozusagen von den Männern selbst oft nicht wahrgenommen. Das Mannwerden im Mannwerden ist es schon so angelegt betroffener von Gewalt zu sein, hilfsbedürftig zu sein, sich nicht wehren zu können ist etwas Unmännliches. Sowie das auch von Männern selbst eher negiert, bagatellisiert hintenangestellt, verdrängt und man versucht einfach nach vorn zu schauen und zu schauen, dass man irgendwie als Mann funktioniert.
Katharina Müllebner: Studien sagen ja, dass Frauen mit Behinderungen häufiger von Gewalt betroffen sind als Frauen ohne Behinderungen. Lässt sich eigentlich ähnliches für die Männer mit Behinderungen sagen?
Hubert Steger: Also sie sind aus meiner Sicht häufiger betroffen als andere Männer, eben aufgrund dieser besonderen Umstände, wie sie wohnen und aufgrund der besonderen Bedürfnisse, die sie vielleicht auch haben.
Ja und da gibt es dann auch manchmal eben auch Spannungen mit dem Umfeld, in dem sie leben und ja, sie sind vielleicht auch manchmal die wehrloseren unter Anführungszeichen Opfer.
[Überleitungsmusik]
Katharina Müllebner: Gewalt kann überall vorkommen, ob in der Familie, im öffentlichen Raum, in Wohngemeinschaften oder Institutionen. Jeder und Jede kann von Gewalt betroffen sein.
Dieser Beitrag macht auch deutlich, dass institutionelle Abläufe und Strukturen unter Umständen zu Gewalt führen können bzw. dass die Tatsache, in einer Institution leben zu müssen, wo man gewissen Regeln unterworfen ist, die man selbst nicht mitbestimmen kann, eigentlich schon Gewalt ist.
Fakt ist auch, dass je größer die Macht und Abhängigkeitsverhältnisse sind, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass in solchen Verhältnissen Gewalt ausgeübt wird.
Ein selbstbestimmtes Leben ohne Abhängigkeit ist also auch ein gutes Mittel zur Vorbeugung von Gewalt. Wichtig ist auch den Betroffenen Unterstützung und Hilfe anzubieten. Nicht weg zu schauen, sondern aktiv zu werden.
Zum Abschluss unserer Sendung noch ein Apell. Wenn Sie selbst von Gewalt betroffen sind oder jemanden kennen, der vielleicht Hilfe braucht, können Sie sich Unterstützung holen. Sie sind nicht allein! Bei der Internetseite zu unserer Sendung Gewalt an Menschen mit Behinderungen finden Sie entsprechende Informationen verlinkt.
Unsere Radiosendungen finden Sie auf unserer Internetseite www.barrierefrei-aufgerollt.at
Wir von barrierefrei aufgerollt freuen uns über die wachsende Zahl an Zuhörerinnen und Zuhörern aus anderen Bundesländern. Neu mit dabei ist das Grazer Radio Helsinki. Wir sind also ab jetzt auch in Graz zu hören. An dieser Stelle ganz herzliche Grüße an unsere Zuhörerinnen und Zuhörer in Graz.
Alle Infos zu unseren anderen Sendeplätzen und Sendeterminen finden Sie auf www.barrierefrei-aufgerollt.at/Sendetermine.
Es verabschiedet sich Ihr Redaktionsteam Katharina Müllebner, Markus Ladstätter und Martin Ladstätter.
[Musik barrierefrei aufgerollt – kurz kompakt und leicht verständlich]
Quelle ist von barrierefrei-aufgerollt.at