24.Dezember

Die Geschichte von dem kleinen naseweisen Mädchen
Die Geschichte von dem kleinen naseweisen Mädchen
Dem Mathildchen ward die Zeit bis zum Weihnachtsabend gar zu lang; es hatte nirgends mehr Ruhe und Rast, nur so lange die Tante erzählte, blieb es ruhig auf seinem Stühlchen sitzen. Wo eine Schublade oder eine Schranktüre aufgemacht wurde, hatte es blitzschnell den kleinen Blondkopf dazwischen und lauschend und horchend stand es hinter allen Stubentüren. Es knisterte und rumorte aber auch gar verführerisch im Hause herum und für die Nase gab es jeden Augenblick ein neues Bedenken. Bald roch es so süß und gewürzreich, dann wieder nach feuchtem Moos und Tannenharz, oder auch nach ausgeblasenen Wachskerzen. Mir einem Wort, das ganze Haus war erfüllt mit dem wunderbaren, unbeschreiblichen Weihnachtsgeruch, dem zu Liebe die Kinder sich gerne eine Stunde früher als gewöhnlich zu Bette schicken lassen und der ihnen den kleinen Kopf schon im Voraus ganz toll und wirblicht macht. So ging es auch dem Matildchen und jeden Augenblick musste es sich bald von der Mama, bald von der Tante zurufen lassen: „Den Kopf hinweg, oder das Christkindchen bläst dir die Augen aus!“
Endlich ward es Abend und sie saßen wieder bei der Tante, da fragte Matildchen: „Liebe Tante, wie ist denn das mit dem Christkindchen, bläst es den Kindern wirklich die Augen aus?“
„Ja, freilich“, sagte die Tante, „wenn sie neugierig sind und sich nicht warnen lassen, denn sie können ja lieb sein und warten bis es Zeit zum Gucken ist.“
„Tante“, antwortete Mathildchen kleinlaut, „ich war heute so ein ganz klein wenig neugierig und habe in Mama’s Schrank gesehen und – und – ich will aber jetzt nicht mehr hinsehen.“
„Das ist brav, und nun will ich Euch eine Geschichte erzählen, von einem kleinen Mädchen, das auch ein wenig naseweis war, aber nicht sehr viel, gerade so wie du, dem ist es sonderbar mit dem Christkindchen gegangen. Das Merkwürdigste an der Geschichte aber ist, dass das kleine Mädchen auch Mathildchen heißt. Nun, soll ich anfangen?“
„Ach ja, liebe Tante!“
„Ich habe Euch doch schon früher erzählt, dass der Nikolaus um die Weihnachtszeit des Abends ein großes Feuer auf der Böllsteinerhöhe anzündet. die Leute, die um den Odenwald herum wohnen, sehen das Feuer, das sich freilich vom Weiten nur wie ein großer Stern ausnimmt. Wenn sich nun die Kinder zu Bett legen, dann laufen sie noch vorher an das Fenster, heben den Vorhang auf, sehen hinauf nach dem Christkindfeuer und träumen dann die ganze Nacht von den schönen Sachen, die es ihnen bringen wird. Wer aber neugierig ist und zu lange hinschaut, der sieht auf einmal gar nichts mehr und wenn endlich die Mama ruft: „Geschwind, in’s Bett hinein!“ können sie es kaum noch finden. Am andern Morgen sehen sie zwar wieder, aber sie müssen doch noch sehr blinzeln und hüten sich wohl am andern Abend wieder in das Christkindfeuer zu gucken.
Der kleinen Mathilde aber, von der ich euch nun erzählen will, ist es noch sonderbarer ergangen. Sie war sehr geschickt und lieb und folgsam, nur ein klein wenig naseweis, und wenn sie des Abends ins Bett sollte, konnte man sie kaum von dem Fenster wegbringen, weil sie immer wieder das Christkindfeuer sehen wollte. Lag sie dann unter der warmen Decke, so dachte sie immer noch an das Feuer und stellte sich vor, wie schön es da oben auf der Höhe bei dem Christkind sein müsse.
Eines Abends nun schien ihr das Feuer viel größer und heller als gewöhnlich zu sein; es sah gar nicht mehr wie ein Stern, sonder wie der Mond, wenn er im Herbst ganz groß und feurig über dem Rand der Berge auftaucht. Mathildchen legte sich zu Bett, nachdem sie lange in das Feuer gesehen, aber sie konnte nicht einschlafen und dachte immer wieder daran, wie es jetzt wohl oben auf dem Böllstein aussehen möge. Sie hielt es nicht mehr aus, stand leise auf, zog ihr Strümpfe, Schuhe und Kleider wieder an und schlich sich unbemerkt hinaus vor die Türe, um das Feuer von da noch besser zu sehen. Ach, dachte sie auf einmal, wenn ich auf den kleinen Berg hinter unserm Garten ginge, da müsste es noch schöner sein! Sie fürchtete sich gar nicht, lief auf den kleinen Berg und sah sich recht satt an dem hellen Glanz – dann wollte sie wieder nach Hause und in ihr Bettchen. Aber – aber von dem langen Sehen waren ihr die Augen ganz wie geblendet geworden; statt in den Garten kam sie auf ein Feld, rannte dann über eine Wiese, und auf einmal lief sie, ohne nur recht zu wollen, in den dunklen dichten Wald hinein; sie hatten ihren Weg vollständig verloren und wusste gar nicht mehr, wo sie war. Von Angst getrieben, lief Mathildchen weiter und weiter, bis sie endlich ein kleines Licht durch die Bäume schimmern sah.
Ach, dachte das kleine Mädchen, wo ein Licht ist, müssen doch auch Menschen sein, die mir wieder den Weg nach Hause zeigen, ich will nur immer darauf zugehen!
Sie merkte in ihre Eile gar nicht, wie sie immer bergan lief, sondern freute sich nur, dass das Licht größer ward und ihr immer näher kam. Der Weg war steiler, und zuletzt musste es atemlos stehen bleiben, denn es konnte nicht mehr weiter. Nun schaute Mathildchen sich um, da blies ihm ein kalter Wind über die heiße Stirne und rings herum waren keine höheren Berge und keine Bäume mehr, du lieber Himmel – am Ende war gar das Kind bis hinauf auf die Böllsteinerhöhe gerannt. Dem Mathildchen zitterten die Knie vor Angst und Müdigkeit, aber es konnte doch nicht da stehen bleiben und so schlich es dann langsam weiter, von einem Baumstamm zum andern, hinter denen es sich versteckt hielt, bis es auf einmal wirklich am Rande des großen, freien Platzes stand, der den Böllstein bedeckt.
Aber, Kinder, was hat es da gesehen – das Matildchen vergaß Müdigkeit und Angst und Alles, es wusste gar nicht mehr, ob es schon im Himmel oder noch auf Erden war. Es starrte ganz verloren hinein in die Herrlichkeit, die sich da vor seinen Blicken ausbreitete. Denkt Euch Kinder, das war die Nacht, in der das Christkindchen Alles, was es das Jahr über zusammengeholt und mit den Engelchen gearbeitet hat, aufstellt und ausbreitet und dann auswählt, was es jedem von den kleinen und großen Leuten bringen will. Die Christbescherung für die ganze Welt stand hier auf einmal bei einander und nun könnt Ihr Euch denken, wie das glitzerte und flimmerte und wie Mathildchen ganz im Ernste glaubte, es sei blind geworden, so stach ihm all der Glanz in die Augen. nun wusste es auch, wovon der Wald so hell und warum das Feuer so groß erschienen war, denn die hohen Tannen und Fichten, welche um den freien Platz herum stehen, waren übersät mit brennenden Wachskerzen, so dass sie fast den Mond und die Sterne überstrahlten.
In der Mitte aber war das Schönste von Allem, da stand das liebe, goldige Christkindchen selber und überschaute seine Herrlichkeiten. Ein schneeweißes Kleid mit goldnen und silbernen Sternen bestickt, fiel ihm bis herab auf die Füße und seinen feinen Schleier hielt eine hohe Sternenkrone fest, unter der blickten die großen, blauen Augen so selig und gut hinauf in den Himmel und die Wangen glühten in so hellem Rosenlicht, dass man über diesem Anblick alles Übrige vergaß. Mathildchen konnte lange kein Auge von ihm wenden, aber als es nun endlich weiter um sich schaute, puh! da ward ihm wieder angst und bange.
Auf der Erde ganz dicht zu Christkindchens Füßen saß der Knecht Nikolaus, der war nicht so holdselig anzuschaun. Er war in seinen Pelzrock gehüllt, hatte die Pelzmütze fast bis an die Nase in’s Gesicht gezogen und auf seine Brust herab wallte nicht mehr wie früher ein schwarzer, sondern ein langer, weißer Bart. Neben dem hellen, freundlichen Christkindchen sah er noch dunkler und mürrischer aus als gewöhnlich. Er machte auch gerade jetzt ein besonders verdrießliches Gesicht und hatte neben sich wieder einen ganzen Berg von Ruten liegen. „Lass gut sein, Nikolaus“, sagte das Christkind mit seinem hellen, feinen Stimmchen, das noch viel süßer klang, als das silberne Schellchen, „wir haben jetzt Ruten genug.“
„Nein“, brummte Nikolaus mit einer Stimme, dass Mathildchen meinte, ein dumpfer Donner rolle über die Odenwaldberge hin, „ich muss noch eine vom Kräutchen Eigensinn machen; dort unten wohnt ein kleiner Junge, der heißt Georg und hat sie sehr nötig.“
Als Mathildchen hinter seinem Baum dies hörte, ging ihm fast der Atem aus, es hatte ja ein recht eigensinniges Brüderchen, das heißt Georg, und es seufzte zitternd: „Ach!“
Aber, o weh!“ trotz seiner Pelzkappe hat der Nikolaus die feinsten Ohren, er schaute auf und sah hinter dem Baum ein Stück von einem roten Röckchen hervorgucken und ein kleines vor Schreck fast weißes Näschen, das sich ängstlich an die Rinde drückte. Er ward vor Zorn ganz rot im Gesicht und rief mit einer fürchterlichen Stimme: „Was steckt denn da hinten? Hervor Du kleines, naseweises Ding, dass ich Dir die Rute gebe! Kannst Du nicht warten bis zu dem Wehnachtsabend und kommst da herauf, um uns auszuspionieren!“ Da blieb dem armen Mathildchen doch ganz gewiss gar nichts anders übrig, als laut zu schluchzen und zu weinen und das tat es denn auch recht herzhaft.
„Jetzt heulst Du uns auch noch die Ohren voll“, schrie der Nikolaus immer zorniger. Christkindchen aber hob seine kleine Hand auf, tippte damit dem Nikolaus auf die Schulter und sagte: „So schweige doch stille, Du alter Brummbär! Du hast das arme, kleine Mädchen ja so erschreckt, dass es gar nicht mehr sprechen kann.“
Dann schwebte es zu Mathildchen hin, das schluchzend den Baum umspannt hielt und sagte freundlich, ach! so freundlich: „Komm her, mein liebes Kind, fürchte dich nicht, sondern sage mir, wie Du so ganz allein da in der Nacht zu mir herauf kommst.“
Während es so sprach, schüttelte der Nikolaus zornig mit dem Kopf und band noch emsiger als zuvor an seinen Ruten, denn er ärgerte sich offenbar über das Christkind. Das ließ sich nicht irre machen, führte Mathildchen herein in den Kreis, streichelte ihr Haar ihr Haar und als diese endlich nicht mehr schluchzen musste, sondern wieder ordentlich sprechen konnte, sagte es: „Ach, liebes Christkind, sei mir nur nicht böse; ich wollte nicht auf den Böllstein, ich war nur in dem Walde verirrt, wusste gar nicht mehr wo ich war und lief immer dem Lichte nach, bis ich hier oben stand. Ich will auch gar nichts mehr hier ansehen, sondern gleich wieder nach Hause laufen, zeige mir den Weg.“
„Wie kommst du aber so spät und ganz allein in den Wald?“ fragte das Christkind weiter.
Da hing Mathildchen beschämt den Kopf auf die Schulter und sagte weinerlich: „Liebes Christkind, verzeihe mir, ich war wirklich ein wenig neugierig, darum lief ich aus meinem warmen Bett hinauf auf den kleinen Berg hinter unserm Garten, aber dann wollte ich wieder nach Hause und habe mich verirrt.“
„Es ist doch ein naseweises Ding!“ knurrte der Nikolaus, „des Nachts bleibt man in seinem Bett und läuft nicht heraus. Wie gern steckte ich mich in die Federn, wenn ich nicht für das Kindervolk die ganze Nacht arbeiten müsste.“
Mathildchen schmiegte sich zitternd an Christkindchen, das aber lachte nur wieder und sprach: „Er ist nicht so böse, als er sich stellt; fürchte dich nicht. Es war freilich recht unartig und naseweis von Dir, dass Du aus dem Bett gelaufen bist, aber nachher bist Du ohne Deine Schuld herauf gekommen, das weiß ich und weil du sonst ein braves, folgsames Kind bist, so will ich Dir verzeihen und Dir für die ausgestandene Angst meine schönen Sachen zeigen, und du magst Dir davon auswählen, was Dir gefällt!“
Damit fasste das Christkindlein Mathildchen bei der Hand, um es im Kreis herumzuführen. Als der Nikolaus sah, dass er nichts ausrichten konnte, wollte er wenigstens sein Späßchen haben. Er griff in seinen großen Sack, nahm eine Hand voll Nüsse und Äpfel heraus und – bums kollerte er sie dem Mathildchen zwischen die Füße, dass es vor Schrecken laut aufschrie und in eiligen Sätzen herüber und hinüber sprang. Dann bückte es sich schnell und sammelte die Nüsse und Äpfel in sein Schürzchen. Christkindchen freute sich über Mathildchens Sprünge und auch der Nikolaus lachte in seinen langen Bart hinein, es lautete aber so sonderbar, dass man wirklich nicht recht wusste, ob er zanke oder vergnügt sei.
Vergnügt gingen die Beiden weiter, wie soll ich es Euch aber beschreiben, was Mathildchen nun für Herrlichkeiten sah. Alle die himmelhohen Tannen und Fichten, die den freien Platz umstanden, waren von oben bis unten mit den schönsten Kinderspielsachen behängt. Da hingen Puppen in roten, grünen, blauen und weißen Kleidern, mit Federhüten auf dem Kopfe, unter denen blonde oder schwarze Locken herauskamen. Andere Puppen hatten offene, lange Haare fast wie der Struwwelpeter und warteten nur darauf, dass die kleinen, lieben Mädchen, zu denen sie kommen sollten, ihnen die Haare ringelten oder flechten würden. Diese hatten auch gar nichts weiter an als schneeweiße Hemdchen, aber sie standen in einem großen Kasten, in dem lag rings um sie herum ihre ganze Ausstattung. Da waren gestickte Unterröcke und Beinkleider, weiße Schlafhemden und zierliche Nachthäubchen, alle möglichen Kleider von Seide, Wolle und Musselin, dazu schöne Kragen, Mäntel, Schals, Hüte, Handschuhe, Stiefelchen und Sonnenschirme – man brauchte nur zuzugreifen. Es war ein Staat gerade wie für eine große Mama, oder eine erwachsenen Tante.
Für die kleinen Knaben war aber auch gesorgt, da hingen zahllose Wagen und Pferde, Kanonen und Bleisoldaten, Säbel, Trommeln und Flinten. Unten um die Bäume herum aber standen weiße Bettchen für die großen Puppen, schön eingerichtete Stuben für die kleinen prächtigen Puppenküchen mit glänzendem Geschirr von Porzellan, Kupfer und Blech. Daneben prangten Kaufläden und Festungen, Ställe für die Pferde, Schäfereien und Puppentheater – nein, die Augen tun Einem weh, wenn man nur daran denkt, wie musste es erst dem Mathildchen beim Sehen zu Mute werden!
Nachdem es sich da satt geguckt, führte es Christkindchen zu den Felsen, die zwischen den Bäumen liegen, da waren dann die niedrigsten auch wieder ganz mit Sachen für die kleinen Leute bedeckt. Da lagen Kleidchen und Hütchen, Hosen und Kittel aller Art, Mäntelchen und Kapuzen, Stiefel und Schuhe von allen Farben, am schönsten waren aber die von blauem lackiertem Leder, die das Christkind erst ganz neu von Paris hatte kommen lassen. Was aber dem Mathildchen fast am meisten in die Augen leuchtete, das war ein ganzer Berg von Bilderbüchern. Gott, wie schön! Alle unartigen und alle geschickten Kinder waren da in Menge abgebildet und ihre Geschichte stand in schönen Versen darunter gedruckt. Es bleibt jetzt von den Kindern gar nichts Böses mehr verborgen, die ganze Welt kann es lesen, wenn Elischen eigensinnig und Sophiechen zornig war, oder wenn der Louis die Schwester schlägt und der Fritz nichts lernen will. Wer als ungezogenes Kind in die Bilderbücher kommt, muss sich sehr schämen, aber wer als artiges darin steht, darf sich freuen, das merkt Euch wohl.
Nun wollte aber das Mathildchen auch sehen, was vielleicht seine Mama und sein Papa, die Tante, der Onkel und die Großeltern von dem Christkindchen bekämen. Da fehlte es dann auch nicht an den wunderschönsten Sachen. Für die großen Leute war Alles auf dem hohen Felsen ausgebreitet und gar oft musste Mathildchen sich auf die fußspitzen stellen, um die schönen Kleider, die Uhren und goldnen Bücher und herrlichen Bilder sehen zu können. auf einmal aber standen sie einer hohen Wand gegenüber, vor der man nicht mehr weiter konnte, die duftete ganz köstlich, nicht wie Rosen und Veilchen, aber für kleine Nasen noch viel süßer und herrlicher. Ja, was war denn das? Ei, Kinder, das war ein ganzes Gebirge von Lebkuchen, Anisgebackenes, Marzipan, verzuckerten Früchten, Schokoladenbonbons, Zuckerbrezeln usw. usw.
So viele gute Sachen hatte das Mathildchen noch nie in seinem Leben bei einander gesehen und es sperrte vor Erstaunen die Augen so ungeheuer weit auf, dass das Christkind laut darüber lachen musste.
Es nahm aus der süßen Wand von jeder Sorte ein Stückchen und legte es in Mathildchens Schürzchen, es waren aber so viele, dass sie kaum Platz darin fanden und gar mancher Apfel und manche Nuss rollten wieder heraus und blieben unbeachtet an der Erde liegen. Christkindchen aber freute sich, dass Mathildchen nicht gleich ohne Weiteres in das Marzipan oder den Lebkuchen hinein biss, sondern hübsch damit warten wollte, bis zu Hause.
„Jetzt komm‘, mein liebes Kind“, sagte es freundlich, „nun Du alle meine Herrlichkeiten gesehen, wähle Dir zum Christgeschenk davon aus, was Dir am besten gefällt.“ „Ach“, seufzte Mathildchen, „liebes Christkindchen, dort oben an dem Baum hängt eine Puppe mit blonden Locken, einem Strohhütchen mit einer Pfauenfeder, einer roten Bluse, roten Stiefelchen und einem schwarzen Gürtel, an dem eine kleine Ledertasche hängt. Diese Puppe gefällt mir am meisten von allen. Sie sieht mir so bekannt aus, als ob ich schon lange damit gespielt hätte, die möchte ich gar zu gerne haben.“
„Du sollst sie bekommen, mein Kind“, sagte Christkindchen, schüttelte seine Flügel ein wenig auseinander, flog hinauf und holte die Puppe, welche ganz oben an der Spitze hing, herunter.
„Und was nun noch?“
„Noch mehr?“ rief Mathildchen erfreut, „ach, dann gebe mir für meine Puppe auch ein Bettchen, in dem sie des Nachts neben meinem Bette schlafen kann, und eine Wärmflasche darin, damit mein Kind sich nicht erkältet.“
„Hier, mein Herz“, sagte Christkind und reichte Mathildchen eines von den schneeweißen Bettchen hin, in dem nicht allein eine Wärmflasche, sondern auch ein schönes langes Schlafkleid und ein weißes Nachthäubchen lag. Mathildchen war außer sich vor Freude; es drückte bald die Puppe und bald das Bett an sich, und hielt dabei sein volles Schürzchen fest, da sah es so drollig aus, dass selbst der Nikolaus ein freundlicheres Gesicht machte.
„Wie ist es denn mit Deinen Schuhen?“ sagte jetzt das Christkindchen, „ich meine die blauen, lackierten Schuhe da aus Paris, dürften im Sommer zu Deinem weißen Kleidchen recht niedlich aussehen, die wollen wir auf das Puppenbett legen, und eines dieser Bilderbücher wäre für die langen Winterabende, die noch nach Weihnachten kommen, auch nicht zu verachten, meinst Du nicht?“
„Christkind, liebes Christkind, du gibst mir zu viel, Du bist zu gut“, rief Mathildchen entzückt und file vor dem Christkindchen auf die Knie und sah es mit ganz verklärten Augen an. Aber Christkind hob es wieder auf, fuhr ihm mit seiner weißen Hand über die Locken und sprach sanft: „Du bist dankbar und bescheiden, meine Kleine, das ist mir lieb; bleibe nur so und damit Du es bleibst, darum sei fleißig und lerne etwas.
Nimm noch dieses Büchlein hier mit den schöngemalten Buchstaben, sieh jeden Tag hinein und wenn es wieder Weihnacht ist, dann musst du so gut lesen können, dass ich dir eines von den schönen Lesebücher schenken kann, die hier stehen. Weil man aber nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Händen fleißig sein muss, gebe ich Dir dies Arbeitskästchen, da sind Nadeln, ein Fingerhütchen und eine Schere drin, damit lerne hübsch nähen, und mit den vergoldeten Stricknadeln hier und dem Kringel Garn strickst Du bis zum nächsten Jahr für die kleine Schwester ein Paar Strümpfe. Willst Du fleißig und folgsam sein und Dir Mühe geben, Alles gut zu machen?“
Als das Christkind so sprach, liefen dem Mathildchen wieder wie vorhin dicke Tränen über die roten Wangen, aber nicht wie vorhin aus Angst, sondern vor Glück und Freude und es rief: „Herzliebes Christkind, ich verspreche Dir das ganze Jahr und immer brav und fleißig, folgsam und bescheiden zu sein, so dass Du und meine Eltern und alle Leute daheim ihre Freude an mir haben!“
„Nun, so geh‘ jetzt mein Kind“, sagte Christkindlein, indem es die Kleine auf die Stirne küsste, „die Sternlein werden blasser und der Mond ist schon lange schlafen gegangen. Eile Dich, damit du in Dein Bett kommst, sonst erschrickt Deine Mama, wenn sie Dich morgen früh nicht findet!“ Damit packte es dem Mathildchen seine Siebensachen zusammen, gab ihm Alles unter den Arm, ermahnte es die Schürze recht schön zuzuhalten und führte es auf den rechten Weg in den Wald.
Aber, du lieber Himmel – auf dem Christkindplatz war es so warm und schön, da hatte man nichts davon gemerkt, in dem Walde jedoch schneite es ganz jämmerlich. „Liebes Christkind“, rief Mathildchen und das Weinen war ihm wieder näher als das Lachen, „sieh nur, wie es schneit; bis ich nach Hause komme, sind meine schönen Sachen alle verdorben!“
„Das ist ärgerlich“, sagte das Christkind, „da schütteln die Engelein wieder mein Bett auf und jagen die Flocken durch den ganzen Wald. Aber ich will schon helfen, Nikolaus!“
„Weiß schon, was ich soll“, brummte der Alte, ging nach dem Felsen und holte einen gar hübschen, kleinen Regenschirm von rotem Zeug herbei, spannte ihn selber auf und reichte ihn dem erstaunten Mathildchen hin. „Den soll ich auch mitnehmen?“ sagte es schüchtern, aber seine Stimme zitterte vor Freude.
„Ja, nimm ihn nur, Naseweischen“, knurrte Nikolaus, „so ein Ding hast Du schon lange gebraucht und wenn Du jetzt nach Neujahr in die Schule gehst, wird es dir noch notweniger sein.“
„Danke, lieber Nikolaus, danke!“ rief Mathildchen freudig.
„Jetzt bin ich ein lieber Nikolaus, ja, so ist’s immer, wenn man den Leuten etwas schenkt“, schalt er hinter ihr drein, während sie schon mit eiligen Schritten den Berg hinab lief.
Am nächsten Morgen konnte das Mathildchen gar nicht aus dem Bett heraus. Die Mama hatte es wohl schon dreimal geweckt, der Bruder stand vor ihrem Bett und rief: „Langschläfer-Tilla!“ und die Lisette versicherte ein- über das andermal, dass sie jetzt Mathildchens Frühstücksmilch der Katze geben werde.
Endlich, endlich machte das faule Kind die Augen auf, rieb sich den Sandmann heraus und schaute verwundert in der Schlafstube umher. Die sah accurat aus, wie am Abend vorher, gar nichts Neues war darin zu erblicken.
„Die Mama wird Alles in das gute Zimmer getragen haben“, dachte Mathildchen, dann rief es laut: „Lisette, gib mir einmal meine Schürze, die ist ganz voll mit guten Sachen; ich brauche heute Morgen kein Brot zu meiner Milch, ich esse von meinem Guts und dem Bruder gebe ich auch davon.“
„Was schwatzt das Kind?“ sagte die Lisette und sah ihre Madame ganz verwundert und lachend an.
„Du brauchst mich gar nicht auszulachen, Lisette“, rief Mathildchen eifrig, „ich war heute Nacht oben auf der Böllsteinerhöhe und habe das Christkind und den Nikolaus gesehen und die haben mir herrliche Sachen geschenkt, eine prächtige Puppe und blaue Schuhe und einen roten Regenschirm und eine ganze Schürze voll Konfekt – Mama, wo hast Du denn Alles hingetan?“ Das war ein Erstaunen – die Lisette schlug die Hände über den Kopf zusammen, der Bruder schrie: „Will auch gute Sachen und Regenschirm!“ Die Mutter aber nahm ihr Mathildchen auf den Schoß und sagte lachend: „Du dummes, kleines Mädchen! glaubst Du denn, die Mama würde ihr Mathildchen in der Nacht auf die Böllsteinerhöhe laufen lassen, ohne etwas davon zu merken? Du hast die ganze Nacht hier süß und sanft neben mir geschlafen, nur viel zu fest, denn der Papa ist schon längst ausgefahren zu den kranken Leuten und konnte Dir nur im Schlaf ein Küsschen geben.“
„Wie, Mama?“ rief Mathildchen und schluchzte laut, „ich habe keine Puppe und keinen Regenschirm und kein ABC Buch?“
„Nein, mein Herz, das hast Du nur geträumt, aber, aber, wenn du noch zweimal geschlafen hast, dann ist Weihnachten, dann kommt das liebe Christkind von seiner Höhe herunter zu uns und vielleicht bring es Dir dann etwas von den schönen Sachen, die Du im Traume gesehen.“
„Ach, liebe Mama, sage ihm, dass es mir Alles bringt, was es mir schon heute Nacht geschenkt – es war gar zu schön!“
„Wir wollen sehen, mein Kind!“
Zwei ganze Tage lang musste das Mathildchen noch warten und während dieser Zeit war es fast mäuschenstill und machte nicht halb so viel Lärm als sonst, denn es musste immer an das Christkind und dessen Herrlichkeiten denken. Sollte das alles wirklich nur ein Traum gewesen sein? Es hatte doch einmal irgendwo ganz deutlich die Puppe mit der roten Bluse und auch das schneeweiße Bettchen gesehen, nur wusste es jetzt nicht mehr recht, ob droben auf der Höhe oder in Mama’s Schrank.
Aber nur Geduld – endlich musste ja Alles kommen! Die Federn aus Christkindleins Bettchen lagen fast fußhoch, die goldnen Sterne flimmerten darüber hin, da schlug die große Glocke auf dem Kirchturm fünfmal: bum! bum! bum! bum! bum! Mathildchen und ihre Geschwisterchen saßen im Wohnzimmer und wagten kaum zu atmen. Es raschelte bald an dieser, bald an jener Türe so geheimnisvoll, und endlich war die ganze Familie versammelt, der Papa, die Mama, der Onkel, die Tante, die Kathrine und die Lisette.
Noch einen Augenblick – da hörte man ein silberhelles Glöckchen klingen, die Saaltür flog auf, ach! da war Mathildchens Traum zur Wirklichkeit geworden!
Vor ihm stand ein Christbaum fast so hoch als die Fichten auf der Böllsteinerhöhe, der war vollgesät mit Lichtern, goldnen Äpfeln und Nüssen, Marzipan, silbernen Kränzen und bunten Glaskugeln. Auf der einen Seite des Baumes stand der Nikolaus, ganz so wie ihn Mathildchen im Träume gesehen, mit dem Pelzrock, der Pelzmütze und einer großen Rute in der Hand, nur machte er ein freundlicheres Gesicht als damals, denn am Weihnachtsabend, wo Alles vergnügt und lustig ist, kann er mit dem besten Willen auch nicht verdrießlich bleiben. auf der andern Seite des Baumes aber stand das liebe, goldige Christkind, und mochte den Kindern auch noch ein wenig bange sein vor dem Nikolaus, so verging ihnen schnell alle Furcht, wenn sie in sein freundliches Gesicht und seine guten, blauen Augen schauten. „Ach, liebes Christkind, bin ich denn wirklich nicht bei Dir gewesen?“ rief Mathildchen, „gerade so wie jetzt bist Du mir doch erschienen!“
Da lächelte Christkind, legte den Finger auf den Mund, schüttelte seine Flügel auseinander und – weg waren sie Beide! Die Kinder standen da und starrten die leere Stelle an, wo sie gestanden.
„Sie sind zum Fenster hinaus, Kinder“, sagte die Mama, „Papa, mache wieder zu ,es kommt viel zu kalt herein!“
Der Vater schloss das Fenster und die Kinder fingen jetzt laut zu jubeln an. Da stand ja wahrhaftig Alles beieinander, was Mathildchen im Traum geschenkt bekam – die Puppe, das Bett, die blauen Schuhe, das ABC – Buch, das Arbeitskästchen, das Strickzeug, der rote Regenschirm, nichts fehlte und am wenigsten die guten Bissen, die ihm Christkindchen in die Schürze gesteckt. „Papa, Mama“, rief es entzückt, „es ist Alles da! Gewiss habe ich unterwegs beim Heimlaufen die schönen Sachen verloren und Ihr habt sie wiedergefunden!“
„Richtig“, sagte die Mama, „so wird es sein. Alles kommt zur rechten Zeit – aber nur nicht mehr, wenn es wieder Weihnacht wird, ein naseweises Mädelchen sein.“ –
Das wirkliche Mathildchen seufzte tief auf, nachdem die Tante geendet und sagte: „Die Christbescherung auf der Böllsteinerhöhe möchte ich aber doch auch einmal sehen.“ „Geh'“, antwortete die Tante, „Du bist ein kleiner Angsthase und würdest Dich gar nicht getrauen in die Nähe des Nikolauses zu gehen. Ich glaube fast, heute Abend kommt er hierher.“
Husch, saßen Georg und Mathildchen auf der Tante Schoß, weil sie sich da sicherer glaubten, und sie hatte wirklich recht. Es rasselte an der Tür und schlug mit einer Rute daran , man hörte es ganz deutlich. Dann ging die Türe ein wenig auf und der Nikolaus rief mit seiner brummigen Stimme herein: „Sind hier die Kinder geschickt?“ und zugleich rollte er eine ganze Ladung von Äpfeln und Nüssen in’s Zimmer.
Georg und Mathildchen nahmen die Tante fest um den Hals, die aber sagte: „Die Kinder sind recht lieb und brav, Nikolaus.“
„Dann sollen sie hierher kommen und mir ein Händchen geben und mir einen Vers aufsagen!“
Die Tante stand auf, die Kinder drückten sich immer noch scheu an sie, gingen aber doch mit bis zur Türe. „Nun, Mathildchen“, sagte die Tante, „gib jetzt dem Nikolaus schön eine Hand und sage den Christkindvers, den ich Dich gelehrt.“
Mathildchen streckte zitternd ihre Hand durch die Türspalte, da strich ihr der Nikolaus mit der Rute darüber, dass sie schreiend wieder zurückfuhr.
„Tut nichts“, rief die Tante lachend, „sage nun Deinen Vers“, und Mathildchen begann:
„Liebes Christkind, lass mich sein
Stets wie Du so fromm und rein,
Und lass mich so gerne schenken,
Und so treu für andere denken,
Wie Du es tust weit und breit
In der goldnen Weihnachtszeit!“
„Schön“, brummte Nikolaus durch den Türspalt, „strecke jetzt noch einmal die Hand heraus!“
Mathildchen gehorchte und jetzt berührte statt der Rute etwas Weiches ihre Hand und als sie dieselbe herein zog, hielt sie ein großes Lebkuchenherz fest.
„Will auch“, rief Georg, „kann aber keinen Vers sagen!“
„Das sollst du auch nicht, sei aber nur nicht mehr eigensinnig, sonst gibt’s !“ so brummte es wieder durch die Türe.
Georg streckte nun auch die Hand hinaus, die erst ein bisschen mit der Rute gestreichelt wurde, aber dann ein großes Stück Anisgebackenes bekam.
„Gute Nacht! jetzt gehe ich wieder fort“, rief der Nikolaus noch herein, dann hörte man ihn mit seinen schweren Pelzstiefeln forttappen; im Hof gab es aber noch ein großes Geschrei, denn da hatte er der Lisette, die ihn necken wollte, tüchtig die Rute gezeigt. –
„Jetzt aber schnell ins Bett, Kinder“, rief die Tante, „es ist die höchste Zeit!“

22.Dezember

Brad Schmidt und das fehlende Geschenk
Es war einmal ein nicht mehr ganz junger Mann, sagen wir mal so knapp über Mitte 30, der alles kannte, nur keine Selbstzweifel. Da er aber wusste, dass es – vor allem bei den Frauen – gut ankommt, sich selbst gelegentlich infrage zu stellen, täuschte er zuweilen vor, ein an den großen Menschheitsfragen – Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer wird deutscher Meister? – verzweifelnder Softie zu sein, der nicht mehr weiß, ob das, was er tut, auch das Richtige sei. Aber nach jeder Prüfung seiner selbst, kam er immer wieder zu dem Schluss, dass er ein ganz toller Hecht sein muss – so perfekt, wie er war. Blendend aussehend, hyperintelligent, voller Witz und Esprit. Kurzum, der nicht mehr ganz so junge Mann hielt sich im Kern für eine Mischung aus Brad Pitt, Sir Ralf Dahrendorf und Harald Schmidt. Und der Einfachheit halber soll er im Folgenden daher auch Sir Brad Schmidt genannt werden oder noch besser: nur Brad Schmidt. Wer braucht heute noch Adel?
Nun kam aber der 16. Dezember, und Brad Schmidt stürzte in eine Krise. Entsetzt musste er, der sonst immer alles wusste – und dabei auch noch gut aussah –, an diesem Tag feststellen, dass es nur noch acht Tage bis Weihnachen waren und er noch nicht den blassesten Schimmer hatte, was er seiner Freundin schenken sollte. „Oh Gott, oh Gott”, dachte sich da Brad Schmidt. Warum muss gerade mir das passieren? Wo ich doch so schlau bin. Und so kreativ. Und dabei auch noch so gut aussehe. Drehen vielleicht meine Gene durch? Bin ich jetzt nicht mehr Brad Schmidt, sondern Ralf Pitt? Seh’ so aus wie Dahrendorf und bin so schlau wie Brad?
Brad Schmidt war so verzweifelt, dass er nicht mehr wusste, was er tat, und ohne Sinn und Ziel sein Altpapier durchstöberte, Und siehe, da erschien ihm die Fachzeitschrift ”Wirtschaftswoche”. In ihrer Ausgabe vom 30. November. „Fürchte Dich nicht”, sagte die Wirtschaftswoche. ”Denn es gibt jetzt Geschenke im Internet.
Unter www.youSmile.de findest Du die richtige Idee.“ Wie froh und glücklich der Brad da plötzlich war. Froh, dass irgendjemand die „Wiwo“ in seiner Yuppiebude vergessen hatte. Und glücklich, das er, wenn er schon keine eigene Idee hatte, bald eine fremde finden würde, die sich wunderbar als eigene verschenken ließe. „Ach”, sagte sich Brad Schmidt. „Wie gut, dass es doch das Internet gibt. Gäbe es es nicht, ich müsste es erfinden.”
Also setzte sich Brad Schmidt an seinen Computer und klickte sich auf die Seite, die ihn lächeln ließ. www.youSmile.de. Dort erschien alsbald das Ersehnte: ein „Ideenfinder”. Hier musste Brad zunächst ausfüllen, wer beschenkt werden soll, wie alt die zu Beschenkende ist, zu welchem Anlass geschenkt wird und wie viel er denn so auszugeben gedenke. Doch da kam Brad nun schon ins Trudeln. Wie hatte seine Freundin doch noch gesagt. „Ach Schatz, eigentlich ist es mir ja egal, was du mir schenkst. Hauptsache, es ist teuer und ein Brillant Die Kategorie „0-50 Mark” fiel also schon mal flach. Obwohl sich dahinter so schöne Sachen wie das Mousepad „Culto” mit den schwimmenden Herzen für 24,90 Mark verbarg oder der Fotorahmen „Hugo Trio” für 39,90 Mark. Auch die zweite Kategorie (50-1100 Mark) schien Brad Schmidt nicht angemessen, hatte er seine Freundin doch erst kürzlich, zu ihrem Geburtstag, mit jenem Duschvorhang mit dem idyllischen Alte-Frau-mit-Messer-in-der-Hand-Motiv aus „Psycho” überrascht, der nun für 79 Mark im Internet angeboten wurde. Na ja, ehrlich gesagt, kam das Geschenk damals schon nicht richtig an. Und auch zu Weihnachten dürfte die Begeisterung darüber begrenzt sein. Zwei Duschvorhänge machen halt noch keinen Brillanten.

21.Dezember

Knecht Rubrecht
Von drauß vom Walde komm‘ ich her;
Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor,
Und wie ich so strolcht‘ durch den finstern Tann,
Da rief’s mich mit heller Stimme an:
„Knecht Ruprecht“, rief es, „alter Gesell,
Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
Das Himmelstor ist aufgetan,
Alt‘ und Junge sollen nun
Von der Jagd des Lebens ruhn;
Und morgen flieg‘ ich hinab zur Erden,
Denn es soll wieder Weihnachten werden!“
Ich sprach: „O lieber Herre Christ,
Meine Reise fast zu Ende ist;
Ich soll nur noch in diese Stadt,
Wo’s eitel gute Kinder hat.“ –
„Hast denn das Säcklein auch bei dir?“
Ich sprach: „Das Säcklein, das ist hier;
Denn Äpfel, Nuss und Mandelkern
Essen fromme Kinder gern.“ –
„Hast denn die Rute auch bei dir?“
Ich sprach: „Die Rute, die ist hier;
Doch für die Kinder nur, die schlechten,
Die trifft sie auf den Teil, den rechten.“
Christkindlein sprach: „So ist es recht;
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!“
Von drauß vom Walde komm‘ ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find‘!
Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?
Fröhliche Weihnacht überall!
„Fröhliche Weihnacht überall!“
tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum,
Weihnachtsduft in jedem Raum!
„Fröhliche Weihnacht überall,“
tönet durch die Lüfte froher Schall.
Darum alle
stimmet in den Jubelton,
denn es kommt das Licht der Welt
von des Vaters Thron.
„Fröhliche Weihnacht überall“…
Licht auf dunklem Wege,
unser Licht bist du;
denn du führst, die dir vertrau’n,
ein zu sel’ger Ruh’.
„Fröhliche Weihnacht überall“…
Was wir ander’n taten,
sei getan für dich,
daß bekennen jeder muß,
Christkind kam für mich.

20.Dezember

Weihnachtsbrief
Liebe Mitarbeiter,
wie schon in den Vorjahren wollen wir auch in diesem Jahr das anstrengende Geschäftsjahr mit einer gemeinsamen Weihnachtsfeier im Frühstücksraum beenden.
Da es im letzten Jahr einige etwas unerfreuliche Zwischenfälle gab, möchte die Geschäftsleitung im Vorfeld auf gewisse Spielregeln hinweisen, um die besinnliche Feier auch im rechten Rahmen ablaufen zu lassen.
1. Wenn möglich sollten die Mitarbeiter den besagten Raum noch aus eigener Kraft erreichen, und nicht im alkoholisierten Zustand von Kollegen hereingetragen werden. Eine Vorfeier ab den frühen Morgenstunden sollte möglichst vermieden werden.
2. Es wird nicht gern gesehen, wenn sich Mitarbeiter mit ihrem Stuhl direkt an das kalte Buffet setzen. Jeder sollte mit seinem gefüllten Teller einen Platz an den Tischen aufsuchen! Auch die Begründung *Sonst frißt mir der Meier die ganzen Melonenschiffchen weg* kann nicht akzeptiert werden.
3. Schnaps, Wein und Sekt sollte auch zu vorgerückter Stunde *nicht* direkt aus der Flasche getrunken werden. Besonders wenn man noch Reste der genossenen Mahlzeit im Mund hat. Der Hinweis *Alkohol desinfiziert* beseitigt nicht bei allen Mitarbeiten das Mißtrauen gegen Speisereste in den angetrunkenen Flaschen.
4. Wer im letzten Jahr den bereitgestellten Glühwein gegen eine Mischung aus Hagebuttentee und Super-Bleifrei ausgetauscht hat, wird darum gebeten diesen Scherz nicht noch einmal zu wiederholen. Sicherlich ist uns allen noch in Erinnerung was passierte, als Kollege Moosbacher sich nach dem dritten Glas eine Zigarette anzündete.
5. Sollte jemand nach Genuß der angebotenen Speisen und Getränke von einer gewissen Unpäßlichkeit befallen werden, so wird darum gebeten die dafür vorgesehen Örtlichkeiten aufzusuchen. Der Chef war im letzten Jahr über den unerwarteten Inhalt seines Aktenkoffers nicht sehr begeistert.
6. Wenn Weihnachtslieder gesungen werden, sollten die Originaltexte gewählt werden. Einige unserer Auszubildenden sind noch minderjährig und könnten durch einige Textpassagen irritiert werden.
In diesem Zusammenhang möchten wir nochmals daran erinnern, das einige der männlichen Kollegen sich noch nicht zur Blutuntersuchung zwecks Feststellung der Vaterschaft gemeldet haben. Unsere im Mutterschaftsurlaub befindliche Mitarbeiterin Frl. Kluge meint, es bestände ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der letztjährigen Weihnachtsfeier und der Geburt ihrer Tochter Sylvia im September dieses Jahres.
Wenn wir uns alle gemeinsam an diese wenigen Verhaltensmaßregeln halten, sollte unsere Weihnachtsfeier wieder ein großer Erfolg werden.
MfG
Die Geschäftsleitung

19.Dezember

Weihnachten einst und jetzt
Als ich ein Kind noch gewesen
das ist schon lange her,
da war Weihnachten noch ein Erlebnis,
ein Märchen und noch vieles mehr.
Es gab nur kleine Geschenke,
denn wir waren nicht reich,
doch die bescheidenen Gaben,
kamen dem Paradiese gleich.
Da gab es Äpfel und Nüsse,
mitunter auch ein paar Schuh
und wenn die Kasse es erlaubte
ein kleines Püppchen noch dazu.
Wie war doch das Kinderherz selig
für all diese herrliche Pracht
und es war ein heimliches Raunen
um die Stille heilige Nacht.
Dann wurde ich größer und älter
und wünscht mir das und dies,
ich hörte auf ans Christkind zu glauben
und verlor dabei das Paradies.
Dann kam der Krieg mit all seinen Leiden,
mit Hunger und mit Not,
da wurden wir alle bescheiden
und dankbar für ein Stückchen Brot.
Wir alle wurden da Kleiner
und nur ein Wunsch hatte die Macht
wir wollten vereint sein mit unseren Lieben
in der stillen heiligen Nacht.
Doch der Wunsch erfüllte sich selten,
denn die Väter und Männer und Brüder,
lagen draußen und hielten Wacht
und wir waren einsam und weinten
in der stillen heiligen Nacht.
Als dann der Krieg war zu Ende
wuchs eine neue Jugend heran
und die hatten auch Ihre Wünsche
an den lieben Weihnachtsmann.
Nur waren die nicht klein und bescheiden,
denn der Wohlstand kam ins Land,
die Wünsche wurden größer und größer
und das Schenken nahm überhand.
Nun wird gewünscht und gegeben
und keiner fragt nach dem Wert,
denn vergessen sind Krieg und Armut
und die Stunden am einsamen Herd.
Aus dem schönsten der christlichen Feste
hat der Mensch einen Jahrmarkt gemacht,
er wünscht sich vom Besten das Beste
und vergisst dabei den Sinn der Heiligen Nacht.
Stille Nacht, heilige Nacht
Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh!
Schlaf in himmlischer Ruh!
Stille Nacht, heilige Nacht,
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb‘ aus Deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in Deiner Geburt!
Christ, in Deiner Geburt!
Stille Nacht, heilige Nacht,
Hirten erst kund gemacht!
Durch der Engel Halleluja
tönet es laut von fern und nah:
Christ der Retter ist da!
Christ der Retter ist da!

18.Dezember

Vom Feuermännchen und der Maus Grisegrau
Vom Feuermännchen und der Maus Grisegrau
„Heut will ich euch die Geschichte vom Feuermännchen erzählen“, sagte eines Abends unsere gute alte Tante Minna; “ sie ist zwar ein bissel gruselig, aber ich will sie euch doch erzählen.
Ihr müsst wissen, zu Hause in Pankenbrück hatten wir einen großen Kachelofen, so einen recht altmodischen grünen Kachelofen. Und blanke Haken hatte er, um nasse Kleider dran aufzuhängen, und eine Warmröhre mit einer Messingtüre hatte er auch.
Darin gab es im Winter Bratäpfel oder ein Töpfchen mit Kaffee für den Fritz und die Grete, wenn sie müde und hungrig vom Schlittschuhlaufen kamen.
Ich sage euch Kinder, es war ein Prachtstück von einem alten Kachelofen!
Und was das herrlichste war, es wohnte ein Feuermännchen drin, ein wirklich gelbes Teufelchen. Wenn man unten die Tür aufmachte und die rote Glut einem entgegenschlug, konnte man ihn deutlich hüpfen und springen sehn, hopp, hopp, immer durch die Flammen durch, hinüber und herüber. Manchmal machte er auch einen ganz lächerlichen Specktakel. Er amüsierte sich, die Holzstücke, die nicht gleich brennen wollten, knack, mitten durchzubrechen, spuckte wohl auch die Flammen, dass sie sprühten und zischten, und kicherte vernehmlich hinterher. Kurz und gut, er war eben ein rechtes Teufelchen, wie alle andern Feuermännchen auch sind.
Doch nun kommt meine Geschichte.
Einmal nämlich musste ich eine Mausefalle aufstellen. Im Eckschrank in der Wohnstube hatte das Brot ein ganz verdächtiges Loch gehabt. Ich briet ein Stück Speck hübsch knusprig und legte es in die Falle. Am andern Morgen war der Speck weg, die Falle aber zu und von einem Mäuschen nix zu sehen. Grete und ich schüttelten verwundert die Köpfe; bloß der Fritz, der sich über nichts wunderte, lachte unbändig, so dass wir schon glaubten, er habe das Mäuschen wieder laufen lassen. Er sagte aber nein, und da er ein wahrhaftiger Junge war, musste wir ihm schon glauben. Ich machte ein neues Stück Speck zurecht und richtete die Falle zum zweiten Male. Aber es ging wie vorher: Speck weg, Maus weg, Falle zu! Das ging nicht mit rechten Dingen zu!
Ich machte mir nun mein Bett auf dem Sofa in der Wohnstube zurecht und wollte aufpassen. In der Falle roch wieder ein saftiges Speckstückchen. Ich legte mich hin und blinzelte von Zeit zu Zeit hinüber, aber es blieb alles still.
Wenn der Vollmond nicht so hell ins Zimmer geschienen hätte, wäre mir die Zeit gewiss recht lang geworden. Endlich hörte ich Trippelschrittchen, und – Kinder, da hatten wir die Bescherung! Da kam mein Mäuschen, aber nicht allein, es hatte einen artigen Kavalier bei sich, nämlich unser leibhaftiges Feuermännchen. Der ging an die Falle, hielt zierlich und geschickt das Fallbrettchen hoch, Mäuschen holte den Speck, und als sie außer Gefahr war, ließ das Kerlchen vorsichtig den Deckel wieder fallen. Ich sah belustigt zu, mit welchem Appetit sie dann den Speck verzehrten, und spitzte die Ohren, was sie wohl sonst noch machen würden.
Ich brauchte nicht lange zu warten, bis sie ihre drolligen Spiele anfingen.
Mitten auf der Diele war ein großer weißer fleck, den hatte der Vollmond dorthin gemalt. Da begannen sie ihre Kunststückchen. wie die geschicktesten Turner und Seiltänzer sag‘ ich euch!
Einmal war Feuermännchen der Reiter und Maus das Pferdchen. Hui, ging’s immer rundum, ohne Sattel und Zaum. Nein, das hättet ihr wirklich sehn müssen! Von Mäuschens kleinen Ohren bis zu Mäuschens Schwanzspitze lief das behände Männchen hin und her, vorwärts und rückwärts, dass sein gelbes Röckchen sich um ihn bauschte und die roten Schuhe klapperten. Dabei schoss er noch Köpfchen und schlug Räder dabei; ich sage euch, mir wurde ganz wirbelig dabei.
Oder Maus lief ihrem Kameraden blitzschnell durch die Beine, rechtsum, linksum, sprang ihm unversehens über den kopf weg, wieder durch die Beine und lief ihm endlich davon. Dann begann ein tolles Haschen über Stuhl und Tisch, oben und unten; von der Gardinenstange aufs Fensterbrett, von dort auf die Sofalehne oder quer über die Kommode, bis sie sich endlich hatten und müde waren. Dann setzten sie sich artig auf eine Fußbank und streichelten und küssten sich wie richtige Liebesleute.
Bald aber tollten sie wieder wie vorher. Das dauerte so eine gute Stunde; da ging der Mond weg, und Maus und Feuermännchen verschwanden im Ofen, unten, wo schon lange eine Kachel fehlte. Na, nun wusste ich Bescheid und nahm mir vor, da nun einmal das Mäuschen unserm Feuermännchen sein Schatz war, ihr nix Böses zu tun. Im Gegenteil, Grete musste jeden Tag ein Puppenschälchen voll Milch vor das Ofenloch stellen; und ich tat ab und zu auch noch einen andern guten Bissen hinein; wusste ich doch, dass auch Feuermännchen kein Kostverächter sei.
Bald war das Mäuschen so zahm, dass es sich auch am Tage hervorwagte, ja, es stellte sich zu den Mahlzeiten ein und trug manch Häppchen zu ihrem Schatz ins Ofenloch. Wir nannten sie Frau Grisegrau und hatten sie alle lieb.
Wenn Vollmond war, ließ es mir keine Ruhe; eine Nacht wenigstens musste ich ihrem übermütigen Treiben zusehen. Auch dem Fritz und der Grete machte ich mal im Wohnzimmer ihr Bett auf; aber die dummen Göhren schliefen immer ein und wussten am andern Morgen nix vom Feuermännchen und nix von Frau Grisegrau.
So lebten wir ein paar schöne Jahre zusammen; und wenn die Bratäpfel in unserm alten Ofen schmorten und draußen der Sturm ging, erzählte ich den Kindern neue Kunststücke von Feuermännchen und Grisegrau, und sie guckten vergnügt ins Ofenloch und sahen das Teufelchen lustig flackern und springen.
Doch nun kommt’s traurig, Kinder, denn alles Schöne hat im Leben mal ein Ende.
Eines Tages lag unser Mäuschen tot vor ihrem Loche. Ein fremder Kater hatte sich hereingeschlichen und es erwischt. Ich verjagte ihn, aber ich kam zu spät.
Ich blieb im Wohnzimmer, und als der Mond kam, sah ich unser Feuermännchen klagend um die Leiche gehen. Zuletzt nahm er sie auf den rücken und ging langsam den gewohnten Weg durch die Kachel.
Im Ofen war noch Glut, ich bückte mich, um hineinzusehen, da war er schon mit seiner lieben Grisegrau mitten drin. Hellauf loderten die Flammen, die die kleine Maus begraben sollten; ganz stille hockte das Feuermännchen daneben und sah zu.
Mir war ganz traurig zumute, als ob mir was liebes gestorben wäre . . .
Bei uns im Hause wurde es auch still, seitdem Feuermännchen und Griesegrau nicht mehr zusammen spielten. Der Fritz kam zu den Soldaten und die Grete wurde Erzieherin weit weg in Ungarn.
Für mich allein mochte ich keine Bratäpfel mehr in den alten Kachelofen legen, und auch das Feuermännchen habe ich seit jener Nacht nicht wieder gesehen.

17.Dezember

Adventrausch
Grad waren es noch die Ostereier,
die in den Regalen standen
und schon ist für die nächste Feier,
ein breites Sortiment vorhanden.
Weihnachtsmänner und Schokoherzen,
Spekulatius und Gebäck.
Ohne Zahl sind auch die Kerzen,
alles für den Weihnachts-Zweck.
Die Menschen jagen nach Geschenken
und drängeln sich in Konsumtempeln.
Allein ums Kaufen kreist das Denken,
man schiebt, man drückt, lässt sich anrempeln.
Wer denkt schon an des Festes Grund?
Auf das wir uns jetzt vorbereiten?
Wer weiß schon um die heil’ge Stund,
zu der uns Gott jetzt will geleiten?
Der Weihnachtsrummel ist so nichtig,
ein jeder rasch den Glanz vergisst.
Nur eines ist jetzt groß und wichtig,
dass Jesus Christ geboren ist!
Gott kam in unsere dunkle Welt,
den Menschen Rettung zu verkünden.
Hat sie mit seinem Licht erhellt,
am Kreuz getilgt all unsere Sünden.
Wir danken dem Herrn Jesu Christ
und preisen seinen Namen,
dass Er zu uns gekommen ist.
Das lässt sich feiern! Amen!
Alle Jahre wieder
Alle Jahre wieder,
kommt das Christuskind
auf die Erde nieder,
wo wir Menschen sind.
Kehrt mit seinem Segen
ein in jedes Haus,
geht auf allen Wegen
mit uns ein und aus.
Ist auch mir zur Seite
still und unerkannt,
daß es treu mich leite
an der lieben Hand.

14.Dezember

Das vertauschte Geschenk
Dies ist eine fast „wahre“ Geschichte rund um Weihnachten und die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Eva und Günther. Einfach lesen und dabei etwas schmunzeln.
Die Weihnachtserzählung: Das vertauschte Geschenk
Wie Sie sehen bin ich immer noch unverheiratet. Ich war einmal verlobt. Meine Verlobung ist aber wieder schnell gelöst wurden. Wie es dazu kam, will ich ihnen erzählen:
Weihnachten stand vor der Tür. Meine Braut und ich standen uns noch etwas fremd gegenüber. Es war daher sehr schwer, das richtige Geschenk für sie zu finden. Nach längerer Überlegung entschloss ich mich, ihr ein paar Handschuhe zu kaufen und ihr ein Briefchen zu übergeben, worin ich auf das Geschenk Bezug nahm.
In dem Geschäft kaufte ich nun aber auch noch ein paar Schlüpfer für meine Schwester – als Bruder kann ich mir das ja erlauben. Aber durch die Unachtsamkeit der Verkäuferin sind beide Geschenkpäckchen vertauscht worden, so dass meine Braut die Schlüpfer und meine Schwester die Handschuhe bekam.
Den dazugehörigen Brief will ich ihnen vorlesen:
Liebe Eva!
Lange habe ich nachgedacht, womit ich Dir als Zeichen meiner Liebe eine Freude machen kann. Neulich merkte ich, was Du am Nötigsten brauchst. Du findest dieses im beiliegenden Päckchen. Gern wäre ich dabei, wenn Du sie das erstemal anziehst. Am liebsten zöge ich sie Dir selbst an. Verlebe glückliche Tage darin. Sie sind sehr schön und werden Dir gut gefallen. Ich habe mit Absicht eine Nummer kleiner gekauft, denn sie weiten sich mit der Zeit, und es sieht besser aus, wenn sie richtig sitzen. Die Wahl war schwer. Ein paar ganz lange waren da, jedoch ich dachte mir, je kürzer, desto besser. Auch gab es welche mit Pelzfutter, aber die sind bestimmt zu warm auf der Haut und es geht ja auf den Frühling zu, wo Du, wie ich weiß, überhaupt keine trägst. Ich wollte Dir erst lederne schenken – mit Stulpen und Motiven, entschloss mich aber für glatte aus Dederon. Verliere sie nicht. Wenn Du mal eingeladen bist, lasse sie nicht liegen. Ziehe sie daher nicht halb an und trage sie nicht heruntergeklappt. Ich habe mit Absicht Reißverschluss gewählt, falls Du’s mal eilig hast. Wenn es warm ist, sieht es schick aus, wenn Du sie beim Spazieren gehen in der Hand trägst. Sie werden aber auch nicht lange sauber bleiben, denn viele Leute haben schmutzige Finger. Wenn Du sie reinigen willst, begieße sie mit Benzin und setz Dich in die Sonne. Bevor Du sie anziehst, kannst Du sie auch noch umtauschen. Die Verkäuferin passt Dir gern ein paar neue an.
Viele Grüße und viel Freude
an Deinem Geschenk wünscht Dir
Dein Liebling Günther

13.Dezember

Advent
Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird,
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin – bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.
Schneeflöckchen, Weißröckchen,
wann kommst du geschneit;
Du wohnst in den Wolken,
dein Weg ist so weit.
Komm setz dich ans Fenster,
du lieblicher Stern;
malst Blumen und Blätter,
wir haben dich gern.
Schneeflöckchen, du deckst uns
die Blümelein zu,
dann schlafen sie sicher
in himmlischer Ruh‘.
Schneeflöckchen, Weißröckchen,
komm zu uns ins Tal,
dann bau’n wir ’nen Schneemann
und werfen den Ball.

12.Dezember

Die drei Federn
Die drei Federn
Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne, davon waren zwei klug und gescheit, aber der dritte sprach nicht viel, war einfältig und hieß nur der Dummling. Als der König alt und schwach ward und an sein Ende dachte, wußte er nicht, welcher von seinen Söhnen nach ihm das Reich erben sollte. Da sprach er zu ihnen: „Zieht aus, und wer mir den feinsten Teppich bringt, der soll nach meinem Tod König sein.“ Und damit es keinen Streit unter ihnen gab, führte er sie vor sein Schloß, blies drei Federn in die Luft und sprach: „Wie die fliegen, so sollt ihr ziehen.“ Die eine Feder flog nach Osten, die andere nach Westen, die dritte flog aber geradeaus, und flog nicht weit, sondern fiel bald zur Erde. Nun ging der eine Bruder rechts, der andere ging links, und sie lachten den Dummling aus, der bei der dritten Feder, da, wo sie niedergefallen war, bleiben mußte.
Der Dummling setzte sich nieder und war traurig. Da bemerkte er auf einmal, daß neben der Feder eine Falltüre lag. Er hob sie in die Höhe, fand eine Treppe und stieg hinab. Da kam er vor eine andere Türe, klopfte an und hörte, wie es inwendig rief:
„Jungfer grün und klein,
Hutzelbein,
Hutzelbeins Hündchen,
Hutzel hin und her,
laß geschwind sehen, wer draußen wär.“
Die Türe tat sich auf, und er sah eine große dicke Itsche (Kröte) sitzen und rings um sie eine Menge kleiner Itschen. Die dicke Itsche fragte, was sein Begehren wäre. Er antwortete: „Ich hätte gerne den schönsten und feinsten Teppich.“ Da rief sie eine junge und sprach:
„Jungfer grün und klein,
Hutzelbein,
Hurzelbeins Hündchen,
Hutzel hin und her,
bring mir die große Schachtel her.“
Die junge Itsche holte die Schachtel, und die dicke Itsche machte sie auf und gab dem Dummling einen Teppich daraus, so schön und so fein, wie oben auf der Erde keiner konnte gewebt werden. Da dankte er ihr und stieg wieder hinauf.
Die beiden andern hatten aber ihren jüngsten Bruder für so albern gehalten, daß sie glaubten, er würde gar nichts finden und aufbringen. „Was sollen wir uns mit Suchen groß Mühe geben,“ sprachen sie, nahmen dem ersten besten Schäfersweib, das ihnen begegnete, die groben Tücher vom Leib und trugen sie dem König heim. Zu derselben Zeit kam auch der Dummling zurück und brachte seinen schönen Teppich, und als der König den sah, staunte er und sprach: „Wenn es dem Recht nach gehen soll, so gehört dem jüngsten das Königreich.“ Aber die zwei andern ließen dem Vater keine Ruhe und sprachen, unmöglich könnte der Dummling, dem es in allen Dingen an Verstand fehlte, König werden, und baten ihn, er möchte eine neue Bedingung machen. Da sagte der Vater: „Der soll das Reich erben, der mir den schönsten Ring bringt,“ führte die drei Brüder hinaus, und blies drei Federn in die Luft, denen sie nachgehen sollten. Die zwei ältesten zogen wieder nach Osten und Westen, und für den Dummling flog die Feder geradeaus und fiel neben der Erdtüre nieder. Da stieg er wieder hinab zu der dicken Itsche und sagte ihr, daß er den schönsten Ring brauchte. Sie ließ sich gleich ihre große Schachtel holen, und gab ihm daraus einen Ring, der glänzte von Edelsteinen und war so schön, daß ihn kein Goldschmied auf der Erde hätte machen können. Die zwei ältesten lachten über den Dummling, der einen goldenen Ring suchen wollte, gaben sich gar keine Mühe, sondern schlugen einem alten Wagenring die Nägel aus und brachten ihn dem König. Als aber der Dummling seinen goldenen Ring vorzeigte, so sprach der Vater abermals: „Ihm gehört das Reich.“ Die zwei ältesten ließen nicht ab, den König zu quälen, bis er noch eine dritte Bedingung machte und den Ausspruch tat, der sollte das Reich haben, der die schönste Frau heimbrächte. Die drei Federn blies er nochmals in die Luft, und sie flogen wie die vorigemale.
Da ging der Dummling ohne weiteres hinab zu der dicken Itsche und sprach: „Ich soll die schönste Frau heimbringen.“ – „Ei,“ antwortete die Itsche, „die schönste Frau! die ist nicht gleich zur Hand, aber du sollst sie doch haben.“ Sie gab ihm eine ausgehöhlte gelbe Rübe mit sechs Mäuschen bespannt. Da sprach der Dummling ganz traurig: „Was soll ich damit anfangen?“ Die Itsche antwortete: „Setze nur eine von meinen kleinen Itschen hinein.“ Da griff er auf Geratewohl eine aus dem Kreis und setzte sie in die gelbe Kutsche, aber kaum saß sie darin, so ward sie zu einem wunderschönen Fräulein, die Rübe zur Kutsche, und die sechs Mäuschen zu Pferden. Da küßte er sie, jagte mit den Pferden davon und brachte sie zu dem König. Seine Brüder kamen nach, die hatten sich gar keine Mühe gegeben, eine schöne Frau zu suchen, sondern die ersten besten Bauernweiber mitgenommen. Als der König sie erblickte, sprach er: „Dem jüngsten gehört das Reich nach meinem Tod.“ Aber die zwei ältesten betäubten die Ohren des Königs aufs neue mit ihrem Geschrei: „Wir könnens nicht zugeben, daß der Dummling König wird,“ und verlangten, der sollte den Vorzug haben, dessen Frau durch einen Ring springen könnte, der da mitten in dem Saal hing. Sie dachten: „Die Bauernweiber können das wohl, die sind stark genug, aber das zarte Fräulein springt sich tot.“ Der alte König gab das auch noch zu. Da sprangen die zwei Bauernweiber, sprangen auch durch den Ring, waren aber so plump, daß sie fielen und ihre groben Arme und Beine entzweibrachen. Darauf sprang das schöne Fräulein, das der Dummling mitgebracht hatte, und sprang so leicht hindurch wie ein Reh, und aller Widerspruch mußte aufhören. Also erhielt er die Krone und hat lange in Weisheit geherrscht