Die Hoffnung bleibt. Das erfährt auch der kleine Sternenengel

Elke Bräunling
Es war einmal ein kleiner Engel, der hatte viele kleine Sternchen auf seinem
Gewand. Es waren so viele, dass keiner sie zu zählen vermochte. An manchen
Tagen leuchteten und blinkten sie alle zusammen um die Wette, dann nämlich,
wenn der kleine Sternenengel glücklich war. Manchmal funkelten weniger
Sterne auf seinem Kleid. Dann war der kleine Engel nicht ganz so froh. Es
gab auch Tage, da sah man keinen einzigen Stern auf seinem Gewand. Das waren
die Tage, an denen der kleine Engel traurig war. Auch einem Engel konnte
dies nämlich passieren. Das war schlimm, denn wenn der kleine Sternenengel
traurig war, musste er weinen, und wenn er weinte, purzelten die
Lichtgeister, die für das Sternenfunkeln verantwortlich waren, wie
Tränenbäche aus seinem Gewand. Leider passierte dies oft, denn der kleine
Sternenengel war oft traurig.
„Du darfst nicht so viel weinen!”, sagten seine Gefährten.
„Aber ich bin so oft traurig!”, klagte der kleine Engel.
Das konnten die anderen Sternenengel nicht verstehen. „Warum bist du so oft
traurig?”, fragten sie. „Am Himmel im Dunkeln zu funkeln macht doch Freude!“
Der kleine Sternenengel schüttelte den Kopf. „Wie kann ich mich freuen, wenn
ich auf die Erde sehe?”, fragte er. „So viel Not herrscht dort und so viel
Elend. Wie kann ich da fröhlich funkeln?“ „Das Erdenelend macht dich
traurig?”, fragte einer der Engel.
„Was geht es uns an?”, meinte ein anderer.
„Die Erde ist so weit weg!“
„Unser Job ist das Leuchten!“
Die Engel waren sich einig.
„Licht soll Hoffnung bringen“, murmelte der kleine Engel, doch es hörte ihm
keiner mehr zu. Und während seine Gefährten miteinander um die Wette
funkelten, spähte er wieder auf die Erde hinab. Sogleich fiel sein Blick
dorthin, wo Not herrschte: Er sah einen Mann und eine Frau. Sie schienen arm
zu sein. Die Frau erwartete ein Kind. Müde schleppten sie sich durch die
Straßen einer Stadt, aber da war niemand, der sie aufnahm. An allen Türen
wurden sie abgewiesen. Als sie sich in einem dunklen Stall zum Schlaf
legten, zerbrach dem kleinen Engel fast das Herz vor Kummer. Zu gerne hätte
er ihnen geholfen.
„Licht soll Hoffnung bringen“, murmelte er nochmals betrübt. „Ach, was kann
ich bloß tun?“ Schon tropften die Tränen über seine Backen, und aus seinem
Gewand purzelte ein Lichtgeist nach dem anderen, bis der kleine Engel kein
einziges Sternchen mehr zum Funkeln übrig hatte. Da musste er noch mehr
weinen. Wie gerne wäre ich jetzt in dem Stall bei diesen ungeliebten, armen
Leuten, dachte er und schloss die Augen.
Auf einmal wurde es warm um ihn. Der kleine Engel blinzelte. Was war das?
Verwundert sah er sich um. Helles Licht strahlte ihm entgegen, und von
irgendwoher sang es.
„Was ist geschehen?”, murmelte er. „Wo bin ich?“ Er hörte ein leises Weinen.
Da sah er das Kind. Es lag in einer Krippe. In einem Stall.
Das ist doch der alte Stall! dachte der kleine Engel und freute sich. Wie
hell es hier war! Und der Mann und die Frau! Wie glücklich sie sich über die
Krippe beugten und dem Kind zulächelten!
Der kleine Sternenengel fühlte, wie alles in ihm lachte.
„Die Hoffnung“, jubelte er. „Sie ist da!“ Und er spürte, wie das Licht zu
ihm zurückkehrte und wie die Sternchen auf seinem Gewand zu funkeln
begannen. Der kleine Sternenengel war glücklich. Er warf einen liebevollen
Blick auf das Kind, die Frau und den Mann und
flüsterte:
„Danke.“ Dann schwebte er funkelglitzerhell und hoffnungsfroh zum Himmel
hinauf.
In dieser wundersamen Nacht strahlten die Sternchen auf dem Gewand des
kleinen Engels heller als alle anderen Sterne am Himmel. Der kleine Engel
war sehr froh, und er nahm sich vor, nie wieder die Hoffnung zu verlieren.
Er konnte aber nicht aus seiner Haut herausschlüpfen. Immer wieder
entdeckte er Dinge, die nicht schön anzusehen waren und die ihn so traurig
machten, dass er trotz aller Vorsätze weinen musste. Wie sollte er froh
sein, wenn Menschen miteinander stritten, wenn sie böse zueinander waren und
Kriege führten? Wenn sie hungerten, Not litten, einsam waren, Freunde oder
ihre Heimat verloren? Ein Grund zum Traurigsein fand sich immer, und so
landete der kleine Engel immer wieder weinend und frierend auf der Erde,
weil er seine Lichtgeister verloren hatte. Aber wie durch ein Wunder fand er
auch immer wieder ein Stück Hoffnung, und mit ihr kehrten die Lichtgeister
auf sein Sternengewand zurück.
Auch in diesem Jahr hatte der kleine Sternenengel sein Licht verloren. Das
war, als er in unserem Land Menschen entdeckt hatte, die eine neue Heimat
suchten. Doch sie schienen nicht willkommen zu sein. Der kleine Engel sah
Hass und Gewalt, und er hörte viele böse Worte.
„Wo sollen sie denn hin?”, empörte er sich. „Es ist doch genug Platz in
diesem reichen Land!“ Und weil er dies nicht begriff, musste er wieder
weinen. Er weinte und … landete in einer Stadt mitten in einem hellen,
warmen Lichtermeer. Viele Menschen, große und kleine, alte und junge, arme
und junge, standen auf den Straßen,und jeder hielt ein kleines Licht in der
Hand. Ein Licht gegen Hass und Streit und Gewalt. Es war eine funkelhelle
Lichterkette, und auch die Menschengesichter strahlten hell und freundlich.
Der kleine Sternenengel lächtelte. „Die Hoffnung“, rief er. „Sie ist immer
noch da!“ Da kehrten die Lichtgeister zu ihm zurück, und die Sternchen auf
seinem Gewand funkelten. Der kleine Sternenengel blinkerte den Menschen
einen Abschiedsgruß zu und kehrte zu seinem Himmelsplatz zurück. Er war
zufrieden.
Es gab sie noch immer, die Hoffnung. Und es würde sie auch immer geben.

Abgeschickt anfang der 1930erjahre

Lieber, guter Weihnachtsmann, weißt Du nicht, wie’s um uns steht?

Schau Dir mal den Globus an. Da hat einer dran gedreht.Alle stehn herum und
klagen.

Alle blicken traurig drein.Wer es war, ist schwer zu sagen, keiner will’s
gewesen sein.

Uns ist gar nicht wohl zumute. Kommen sollst Du, aber bloß mit dem Stock und

mit der Rute. (Und nimm beide ziemlich groß.)

Breite Deine goldnen Flügel aus, und komm zu uns herab.

Dann verteile Deine Schläge. Aber bitte nicht zu knapp.

Lege die Industriellen kurz entschlossen übers Knie.

Und wenn sie sich harmlos stellen, glaube mir, so lügen sie.

Ziehe denen, die regieren, bitteschön, die Hosen stramm.

Wenn sie heulen und sich zieren, zeige ihnen ihr Programm,

Komm, und zeige Dich erbötig, und verhau sie, dass es raucht!

Denn sie haben’s bitter nötig.

Und sie hätten’s längst gebraucht.Komm, erlös uns von der Plage, weil ein
Mensch das gar nicht kann.

Ach, das wären Feiertage, lieber, guter Weihnachtsmann! ! ! !

An den Weihnachtsmann

Abgeschickt im Jahre 2019

Lieber, guter Weihnachtsmann, weißt Du nicht, wie’s um uns steht?

Schau Dir mal den Einkaufsmarkt an. Da hat einer an den Preisen gedreht.

Vorbei an dem was man sich nicht leisten kann,

kommt man bei den Produkten von „gut und günstig“ an.

Auch diese werden ständig teurer,

das wird uns immer ungeheurer.

In den Wagen getan, was von Nöten ist,

sieht man den Betrag an der Kasse und denkt:“Ach Mist“.

Und nach dem Einkauf

beginnt der Wettlauf.

Geschützt vom Dunkeln der Jahreszeit,

macht sich vorm Ausgang das Gesindel breit.

Sie zerren an den Taschen,

aus den Jacken schaun die Flaschen.

Auch der Alkohol macht vor den hohen Preisen nicht halt,

da schrecken nur wenige mehr vor Gewalt.

In den Taschen die Fäuste geballt

wartet man gedanklich dass es gleich knallt.

Heil an der Haltestelle angekommen,

ist es als hätte man einen Berg erklommen.

Geld zu holen traut man sich nicht,

denn draußen wartet der Bösewicht.

Das macht so keinen Spaß mehr,

drum laß ich auch meinen Wunschzettel leer.

Doch eine Bitte hätte ich an dich,

lass den Euro steigen königlich.

So gäbe es preislich eine Wende

und der ganze Spuk hätte ein Ende.

Bitte lieber Weihnachtsmann, mach mir diese Freude,

das wünschen sicher auch viele andere Leude.

Am Rentierschlitten traurig hockt

der Weihnachtsmann – er bockt

und er schimpft auch ziemlich grob

„Weihnachten – das ist MEIN Job!

Was soll denn da ein Christkindlein –

blond und schwach und winzig klein??!

Weihnachtsbäume und Geschenke schleppen

durch Kamine, über Treppen. . .

all die Arbeit mit den schweren Sachen – wie sollte das Christkind das denn machen??!

Und statt mich dafür zu loben – unterm Strich glauben die Menschen nicht an mich!

Wir glauben ans Christkind! so sagen sie dann, bei uns gibt es keinen Weihnachtsmann!“ Der Weihnachtsmann ist zwar gestresst, aber wir wünschen Euch ein frohes Fest!

Mit Weihnachtsmann oder Christkind?– keine Frage!

Wir sorgen für Frieden am Weihnachtstage, wir lassen den Weihnachtsmann nicht mehr leiden – Wir feiern Weihnachten heuer mit beiden!

schöne, herrliche Weihnachtszeit!

Hoffmann von Fallersleben
Was bringst du Lust und Fröhlichkeit!
Wenn der heilige Christ in jedem Haus
teilt seine lieben Gaben aus.
Und ist das Häuschen noch so klein,
so kommt der heilige Christ hinein,
und alle sind ihm lieb wie die Seinen,
die Armen und Reichen, die Grossen und Kleinen.
Der heilige Christ an alle denkt,
ein jedes wird von ihm beschenkt.
Drum lasst uns freuen und dankbar sein!
Er denkt auch unser, mein und dein!
LG, Karin

Ein strahlender Morgen! Kein Wölkchen am Himmel. Die Luft eisig kalt, obwohl

wir bereits Ende April schreiben. Aber in dieser Höhe von 3500 m ü.M. ist
das durchaus normal wie uns der Bergführer mit dem braungegerbten Gesicht
versichert. Es sollen bitte alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Ohren
bedecken, denn keine Versicherung zahle eingefrorene und danach wie
Herbstblätter abgefallene Ohrläppchen, bemerkt in seinem urigen Dialekt der
Führer und lacht bei diesen Worten ein klares, aber spitzes Lachen, das
trotz meines Stirnbands in meinen Ohren lange nachklingt! Was ist es was
mich an diesem sich Luft machenden Humoranfall stört? Unnatürlich? In einer
anderen Dimension sich abspielend als der Dritten in der wir uns hier in
dieser umwerfenden Hochgebirgskulisse befinden. Umwerfend?? Kann ein Lachen
einen Menschen umwerfen? Und was dann?
Ich wundere mich über meine absurden Gedanken. Muss sich um den Mangel an
Sauerstoff in dieser Höhe handeln, der die Logik wie ein Lichtschalter den
Strom unterbricht. Ich blicke auf meinen Höhenmesser der an meinem
Handgelenk summt und singt. 3857 Meter ü. Meer zeigt er jetzt an. Wie wenn
es ein Untermeer hier geben könnte. Schon wieder ein so absurder Gedanke. Wo
wird mein Hirn mich hinführen? Auf den Gipfel den wir erklimmen wollen? Den
Gipfel des Quer-, nein, des Senkrechtdenkens? Oder des Waagrechten? Des
Ausgeglichenen … Ja, das strebe ich an. Doch ich bin nach der Bemerkung des
Bergführers, die Ohrläppchen betreffend, der Überzeugung, dass mein Hirn in
diese gefallen ist und demnächst abzufallen droht. Hirnlos? Hirnrissig?
Verhirnt??? Vermindert? Und immer weiter geht es bergauf.
Durch den unberührten Schnee in den wir unsere Abdrücke legen. Ich blicke
zurück auf unsere Spur. Kann keine erkennen. Verweht? Kein Windchen bewegt
sich. Wo ist unsere Spur? Spurlos verschollen? Da die Stimme des Bergführers
das durch meine Ohrläppchen strömt … „Schau ruhig nach hinten … da erkennst
du die Spuren deines Lebens …. Wohl bekomms!“ Und wieder erklingt dieses
rätselhafte Lachen …

Brief an den Nikolaus

Sehr geehrter Nikolaus,

ich lad´ dich ein in unser Haus

Bring´ mir viele schöne Sachen,

die mein Leben leichter machen

Ein Schlüsselbund, das nicht verschwindet, ein Schlips, der ganz von
selbst sich bindet

Ein Auto, das nicht stehenbleibt,

ein Füller, der alleine schreibt

Verwandte, die mich nie besuchen,

kalorienlosen, leckeren Kuchen

Eine heile Blumenvase,

keine Haare in der Nase

Weiße Wäsche, glatt und trocken,

das fehlende Stück für ein gleiches Paar Socken

Ein Wasserhahn, der nicht mehr tropft,

ein Abfluss, der niemals verstopft

Einen Chef, der freundlich ist,

nen´ Hund, der keine Zeitung frisst

Ein Paar immer saubere Schuhe,

an Wochenenden meine Ruhe

Einen immer grünen Garten,

fürs Fußballspiel zwei Eintrittskarten

Starke Nerven, viel Humor,

ab und zu ein taubes Ohr

Rücksicht, Einsicht und Geduld,

denn manchmal bin ich selbst dran schuld

Eswar einmal ein Stern der hell und strahlend im All leuchtete.

vonBarbara Pronnet

Eswar einmal ein Stern der hell und strahlend im All leuchtete.
Um ihn herum waren unzählige andere Sterne, so viele, dass er nichtwusste wo
es anfing und aufhörte. Jeder dieser Sterne war so weitweg von dem anderen.
Sie wussten nichts voneinander. Jeder warallein im großen dunklen Nichts.
Es verging eine Ewigkeit und er merkte dass sein Glanz langsamverblasste.
Bald werde ich sterben und mein Licht wird verschwinden und niemandwird mich
vermissen. Es gibt so viele andere. Der Verbleib eineseinzelnen zählt nicht.
Dieser Zustand machte ihn sehr traurig und ersah keinen Sinn mehr in seiner
Existenz.

Weit imdunklen Nichts war ein Planet der so blau war wie kein anderer
inseiner Galaxie. Der Stern fand, dass er wunderschön aussah. Er hatteetwas
Magisches, Einzigartiges an sich. Mutter Sonne strahlte aufihn und er drehte
sich im Kreis und ließ sich wärmen. Auch er warallein auf sich gestellt, die
anderen Planeten waren zu weit weg.Wir sind alle allein dachte der Stern,
allein im Universum.

Auf demblauen Planeten, weit weg von dem Stern, in einem Haus unter demDach
saß ein kleines Mädchen und sah aus dem Fenster. Siebeobachtete den
Sternenhimmel. Es war klar heute Nacht, die Sternefunkelten um die Wette.
Es war der Abend vor Weihnachten. Eigentlich habe ich alles, freutesich das
Mädchen, ich habe tolle Eltern und wohne in einem schönenHaus. Wir sind
gesund und ich habe viele Freunde. Ich bin wirklichglücklich. Morgen bekomme
ich Geschenke. Am meisten würde ich mirwünschen, dass jetzt in dem Moment
ein Zeichen kommt von Gott. Derfreut sich sicher auch dass morgen wieder
Weihnachten ist und dieMenschen zumindest an dem Tag ein bisschen netter
sind miteinander.Das wäre schön, dachte sie.

Der Sternfühlte seine Zeit war gekommen. Ich werde mich jetzt auf den
Wegmachen und eins werden mit der unendlichen Dunkelheit im ewigenNichts. Er
ließ sich fallen und zog einen langen hellen Schweifhinter sich her. Wie ein
Lichtwesen zog er durch das All und spürteplötzlich eine tiefe Zufriedenheit
und Erlösung in sich.

Daskleine Mädchen auf der Erde sah diese wunderschöne Sternschnuppe.Sie war
so hell und herrlich anzusehen. Sie zog wie ein Glitzerbanddurch die
schwarze Nacht.

„Fröhliche Weihnachten, lieber Gott“ lachte das kleine Mädchen undklatschte
begeistert in die Hände. Mein Wunsch ging in Erfüllung.Ich muss einfach nur
fest daran glauben und genau hinsehen, dannsehe ich auch im dunklen Nichts
ein Zeichen der Hoffnung.
Ich danke dir.

[Elch] Das Schaf im Wolfspelz

Ein kuscheliges Jungschaf durchlief sein Erwachsenwerden, war unzufrieden
mit seinem Aussehen, beschloss ohne sich einem anderen Schaf anzuvertrauen,
geschweige denn dem Mutterschaf, sich eine neue Identität auszusuchen. Auf
keinen Fall wollte das pubertierende Schaf mehr kuschelig sein. Viel mehr
wollte es einen entsetzlichen Ausdruck besitzen, der alle anderen
erschrecken sollte. Nächtelang, während die anderen Schafe ihren Träumen
nachhingen, überlegte es, beinahe ohne einen anderen Gedanken fassen zu
können, wie das zu bewerkstelligen sei. Ja, wenn es wie ihr größter Feind
aussehen könnte, wie der Wolf, von dem alle Schafe eine Heidenangst besaßen,
da er diese reißen, in blutige Stücke zerteilen, und per Express in seinen
Magen, zumindest Stücke davon, befördern könne.

Doch wie dies erreichen? Eine Denkaufgabe die das junge Schaf an die Grenzen
seiner Vorstellungskraft zu bringen drohte. Den Wolf angreifen? Ohne
Reißzähne? Diesem eine Falle stellen? Doch wie? Unruhig verbrachte unser
Schaf seine Nächte. Bekam unter seinen Augen im weißen Pelz davon schwarze
Ringe, sodass seine Mutter bereits daran dachte, dass der Bauer das
entdecken und das junge Schaf in seinem Viehwagen ins Schaf-Nirwana
entführen würde, aus dem noch kein Artgenosse die Rückkehr, geschweige denn
eine Wider- oder eine Wiedergeburt gefunden habe.

Da, in einer Vollmondnacht, kam der Geistesblitz über das so suchende,
jugendliche Schaf. Es sprach seine Artgenossen in der Wolfssprache an, das
es so emsig studiert hatte. Der Wolf, der sich nachts darauf an die
Schafsherde heranschlich, erschrak darob so mächtig, dass er die
Schafssprache erlernte und seither friedlich sein Dasein ohne Schafsgerichte
zu verzehren, noch ein Schafsgericht, vor dem er sich zu verantworten hätte,
zu fürchten, bis zum heutigen Tag genießt. Und falls er nicht gestorben ist,
lebt er in den Sagen und Mythen der Schafe als großer böser Wolf weiter.

gut] Gedichtr

nna Ritter
Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee, mit gefrorenem Näschen.
Die kleinen Hände taten ihm weh,
denn es trug einen Sack, der war gar schwer, schleppte und polterte hinter
ihm her – was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack –
meint ihr, er wäre offen, der Sack?
Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss etwas Schönes drin:
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen!

[Elch] das Weihnachtswunderkraut

Autor: Traudl Wirsing
Der heftige Schneefall der vergangenen Tage hat das kleine Holzhaus, das
grau verwittert und ein wenig windschief am Waldrand steht, bis an die
Fensterscheiben mit einer dicken, glitzernden Schneedecke fest eingehüllt.
Drinnen in der niedrigen Stube machen sich der Beni, der Wasti und die Anne
gerade fertig für den Gang zur Christmette.
Es ist erst Mittag, aber die Kinder haben eine lange und beschwerliche
Strecke zum Dorf vor sich. Außerdem sollen sie noch bei der alten Maga
vorbeischauen.

„Bleibt beisammen und achtet auf den Weg“, schärft ihnen der Vater ein, „und
betet für die Großmutter.“ Bedrückt senken die Kinder die Köpfe und nicken.
Die Eltern haben ihnen schon vor einiger Zeit gesagt, dass es dieses Jahr
wohl ein trauriges Weihnachten werden wird, weil Gott die Großmutter bald zu
sich in den Himmel holen will. Und das Christkind wird wie all die Jahre
vorher den Weg zu ihrem Haus auch wieder nicht finden.

Durch den stillen, tief verschneiten Wald stapfen sie mühsam bergauf.
Erschöpft erreichen sie endlich die kleine Lichtung, auf der einsam und mit
qualmendem Kamin das halb verfallene Haus der Maga steht.

Ängstlich fassen sich die Kinder an den Händen. So richtig geheuer ist es
ihnen hier nicht! Über die alte Maga wird im Dorf allerhand gemunkelt. Eine
Hexe soll sie sein, eine richtige Kräuterhexe.

„Da seid ihr ja endlich!“, ruft eine helle Stimme. „Nur herein mit euch!“

Zögernd treten die Kinder in einen dämmrigen Raum, in dem ein gewaltiger
Holzofen steht. Aus verschiedenen Töpfen und Tiegeln dampft und brodelt es,
und die Luft ist erfüllt von aromatischen Düften. Der Beni staunt: So hat er
sich das Hexenhaus nicht vorgestellt! Und die Maga? Jetzt, da sie die Kinder
freundlich an den Tisch bittet und ihnen dicke Honigbrote und warme Milch
aus blank gescheuerten Bechern kredenzt, schwindet bei ihm die Furcht und
die Zurückhaltung.

„Maga“, sagt er schmatzend, „die Mutter hat uns aufgetragen, dass wir bei
dir etwas für die Großmutter abholen sollen; etwas, das zumindest ein wenig
gegen die schlimmsten Schmerzen hilft.“ Auf Maga´s Gesicht zeigt sich ein
zahnloses Lächeln.
Unverständliches murmelnd nickt sie den Kindern zu und bückt sich
schließlich ächzend nach einer mit groben Beschlägen versehenen Holztruhe,
aus der sie einen verknautschten Lederbeutel mit kleinen Tontiegeln und
grauen Leinensäckchen zieht. Dann erklärt sie den Kindern ganz genau, wie
die verschiedenen Salben und Kräuter anzuwenden sind.
Zum Schluss kramt sie umständlich und geheimnisvoll ein Glasfläschchen mit
einer braunen Tinktur hervor: „Und das hier ist das Allerwichtigste – das
Weihnachts-Wunderkraut!“

Mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund staunen die Kinder über das,
was die Maga mit erhobenem Zeigefinger zu erzählen hat.

„Ihr müsst nämlich wissen, dass das Weihnachts-Wunderkraut nur an einem
einzigen Tag im ganzen Jahr wirkt – am Heiligabend!“ Sie sieht die Kinder
der Reihe nach eindringlich an.
„Und auch dann hilft es nur, wenn man fest daran glaubt, dass die kranke
Person wieder gesund wird, und wenn man zum Jesuskind betet, dass es alles
wieder zum Guten wendet.“

Der Beni kann es kaum fassen: Ein Wunderkraut? – Kann denn das der
Großmutter wirklich helfen? Kann man der Maga trauen? – Er hofft es von
ganzem Herzen.

Als sich die Kinder etwas später von der Maga verabschieden und zur
Christmette aufbrechen, dämmert es bereits.

In der Kirche hält der Beni das Glasfläschchen so fest an sich gepresst,
dass seine Finger schmerzen. Er kann es gar nicht erwarten, heimzukommen,
damit die Großmutter die wundersame Tinktur einnehmen kann. Aber zuerst muss
er ja noch ein Gebet sprechen.

„Bitte, liebes Jesuskind, hilf!“, flüstert er.
In den Augen seiner Geschwister schwimmen Tränen. Der Beni weiß, dass sie
genauso wie er um das Leben der Großmutter beten.

„Glaubt ihr wirklich, dass sie wieder gesund wird?“, fragt die kleine Anne,
als sie sich nach der Christmette auf den Heimweg machen.
„Ganz bestimmt!“, ruft der Wasti. „Die Großmutter wird nicht sterben.
Heute ist das Jesuskind geboren und das ist das Wunderbarste, das es auf der
ganzen Welt gibt. Der liebe Gott lässt doch in so einer Nacht nichts
Schlimmes passieren!“

So schnell sind die Kinder noch nie durch den tief verschneiten Winterwald
gestapft. Sie keuchen und ächzen. Immer wieder rutscht einer in der
Dunkelheit aus. Der Wasti weint leise, weil er sich an Hand und Ellbogen
verletzt hat. Aber nichts und niemand kann die drei jetzt aufhalten: Sie
wollen auf dem allerkürzesten Weg die wundersame Tinktur zur Großmutter
bringen.
Der Vater und die Mutter haben dem Beni mit Kopfschütteln und ungläubigem
Staunen zugehört, als er ihnen atemlos erzählt, was die Maga gesagt hat.
So etwas kann es doch gar nicht geben! – Oder doch?

Die Mutter hat sich ein paar Mal über die Augen gewischt und schließlich den
Vater ernst angeschaut. Der hat ihr lächelnd zugenickt und die Hände zum
Gebet gefaltet.

Den ganzen Abend über kümmern sich Eltern und Kinder abwechselnd um die
Großmutter.
„Du wirst ganz bestimmt wieder gesund.“ Liebevoll drückt der Beni die
derben, runzeligen Hände. „Du musst nur fest daran glauben.“

Im flackernden Schein einer Wachskerze erzählt der Vater am Küchentisch
leise flüsternd die Geschichte von der Heiligen Nacht. Die kleine Anne ist
erschöpft auf dem Schoß der Mutter eingeschlafen.
Plötzlich raschelt es im hinteren Teil der Stube. Die Großmutter hat die
Decke zurückgeschlagen und sich ein wenig im Bett aufgerichtet. Ihre Augen
leuchten. Auf ihren Wangen zeigt sich eine leichte Röte und ein Strahlen,
wie es die Kinder noch nie gesehen haben, geht über ihr Gesicht.