[Elch] Julian und der Weihnachtsmann

Julian ist ein ganz gewöhnlicher Junge, gerade neun Jahre alt geworden und
wohnt mitten in Berlin. Die Zeiten, dass er noch an den Weihnachtsmann
geglaubt hat sind längst vorbei. Jetzt weiß er, dass seine Eltern ihm stets
alle Geschenke zu Weihnachten gekauft hatten. Es ist auf der einen Seite
schade, dass alles eine ausgedachte Geschichte der Erwachsenen ist, weil er
das mystische, feierliche Gefühl immer sehr geliebt hat. Über tolle
Geschenke freut sich der Junge natürlich weiterhin auf besondere Weise.
Allerdings sorgt sich Julian nun zunehmend, da er mitbekommen hat, dass sein
Vater arbeitslos geworden ist. Julian hatte die Gespräche seiner Eltern
belauscht, als er mal nicht schlafen konnte. Seine Wunschliste ist
erschreckend lang und es könnte sein, dass unter Umständen vielleicht sogar
keiner seiner Wünsche berücksichtigt werden kann. Das wäre eine absolute
Katastrophe! Vor Jahren noch, gab es drei Tage, worauf er sich das ganze
Jahr freuen konnte. Das war sein Geburtstag, Ostern und das Weihnachtsfest.
Jetzt, wo Weihnachten so gut wie vor der Tür steht, ist ihm ganz mulmig zu
Mute. Er kann an nichts anderes denken, sodass selbst seine Schulnoten
darunter leiden mussten.

Vorige Nacht hat sich dieses Besorgnis in seine Träume eingeschlichen. Es
war ein entsetzlicher Albtraum! Er träumte, dass er während der
Bescherungszeit ins Wohnzimmer kam und in der hintersten Ecke nur eine Kerze
brennen sah. Ansonsten war kein Weihnachtsbaum, keine bunten Lichter und
kein Lametta zu sehen. Als Julian mit weit aufgerissenen Augen weiterhin in
die Dunkelheit starrte, konnte er die schemenhaften Umrisse seiner Eltern
entdecken. Er ging auf sie zu und konnte in ihre betrübten Gesichter
blicken. Seine Mutter schaute ihn an und ihre Stimme zitterte: “Es tut mir
leid Julian, aber dieses Weihnachten haben wir keine Geschenke für Dich.”
Als er das hörte, brach er in Tränen aus und rannte aus dem Wohnzimmer, aus
dem Haus und auf die Straße. Da war der Traum aus und Julian erwachte
schweißgebadet in seinem Bett. Was ein schrecklicher Traum! “Es ist langsam
ein Limit erreicht, dass nicht mehr zum Aushalten war”, musste er
feststellen. Doch wem sollte er sich mit seinem Problemen anvertrauen? Mit
seinen Eltern konnte er nicht darüber reden, da sie ihm sowieso nicht die
Wahrheit sagen würden. Sie haben immer alles beschönigt, auch wenn das
gröbste Disaster präsent war. Sie werden sagen, dass man sich überraschen
lassen sollte. “Und was ist, wenn es die größte Enttäuschung meines Lebens
wird”, dachte er. Könnte er in seinem Leben jemals wieder glücklich werden,
wenn man so ein Trauma durchleben muss? Seinen Freunden in der Schule wollte
er ebenso nichts erzählen. Dass sein Vater womöglich kaum Geld für ihn für
dieses Weihnachten haben könnte, darf niemand erfahren. Das würde ihn
absolut bloßstellen und es könnte etwas zu einigen unliebsamen Mobbern
durchsickern. Dann wäre er endgültig erledigt. Also blieb ihm nichts anderes
übrig, als weiterhin still vor sich hin zu leiden. Was ein armseliges Leben
er doch durchstehen musste!

Weihnachten rückte immer näher und um so schlimmer quälten ihn seine Sorgen.
Am Heiligabend hatte die Angst ihren Höhepunkt erreicht. Nun waren es nur
noch ein paar Stunden bis zur Bescherung. Für Julian war es unmöglich zu
Hause zu bleiben und in der Ungewissheit zu warten. Er war viel zu
aufgeregt. So schlenderte er stundenlang durch die Straßen und in der
Einkaufszone umher. Er schaute sich die dekorierten Schaufenster an und
versuchte auf andere Gedanken zu kommen. Das war natürlich unmöglich, wenn
man überall geschmückte Tannenbäume und die vielen bunten Lichtern sieht,
die ihn daran erinnern, dass die Weihnachtszeit angebrochen war. Auf allen
Wegen waren die bekannten Weihnachtslieder zu hören, die sich in seinem Kopf
ansammelten und gleichzeitig abzuspielen schienen. Zu dem musikalischen
Kuddel-Muddel ging er in seinen Gedanken immer wieder seine
Weihnachts-Wunschliste durch. Das lief schon fast automatisch, ohne das er
sich dagegen wehren konnte. Es wäre ja schon ok, wenn er wenigstens einen
seiner Wünsche erfüllt bekäme, dachte er sich. Das würde ihn über das Jahr
hinwegtrösten und nächstes Weihnachten sähe es vielleicht wieder besser mit
den Finanzen seines Vaters aus.

Als er sich entschloss, von der Haupteinkaufsstraße links wieder Richtung
nachhause zu laufen, fing es plötzlich heftig an zu schneien. Die Flocken
wurden immer dichter und dicker, sodass ziemlich schnell eine weiße Schicht
alles eindeckte. Selbst die Straßenlaternen der Einbahnstraße verdunkelten
sich unter den enormen Schnemassen. Als am Ende der Gasse plötzlich ein
extrem starkes Licht auftauchte, sodass er nur noch blinzeln konnte, wusste
er noch nicht, was für ein außergewöhnliches Erlebnis ihn erwartete. Er war
überrascht, als er einen schwarzen Schlitten mit sechs dunkelbraunen
Rentieren erkennen konnte, der nahezu geräuschlos auf dem eben frisch
gefallenen Schnee glitt. Zu seinem Erstaunen saß ebenso ein Mann auf dem
Schlitten, der von seinem Aussehen her, dem Weihnachtsmann glich. Als der
Schlitten noch genau neben ihm anhielt, verschlug es ihm fast den Atem. Der
Mann mit dem weißen Bart sprach ihn an: ” Wie heißt Du denn, mein lieber
Junge?” Julian war nur in der Lage stotternd seinen Namen zu stammeln. “Was
wünscht Du Dir denn sehnlichst zu Weihnachten” , fragte ihn die tiefe,
liebevolle und warme Stimme des Mannes. “Ich hätte so gerne ein Laptop,
lieber Weihnachtsmann”, entgegnete ihm Julian und die Tränen standen ihm in
den Augen. “Na, so ein Zufall! Ich habe gerade noch ein Paket hier und ich
glaube, da ist bestimmt ein Laptop drin.” Julian musste sich kneifen, um
sicher zu sein, dass er nicht träumte, als ihm der Mann in Rot ein blaues
Paket überreichte. “Fröhliche Weihnachten, Julian.” Und schon setzte sich
der Schlitten in Bewegung und liess ihn in dem wilden Schneesturm zurück.
“Ja, fröhliche Weihnachten auch”, hauchte er leise und bemerkte, dass sein
Mund vor Verwunderung offen stand. Leichten Schrittes, wie auf Wolken,
schwebte er über den gefallenen Schnee, um seinen Nachhauseweg zu nehmen. Er
konnte es immer noch nicht fassen! War es der richtige Weihnachtsmann? Man
sagte ihm doch, es gäbe keinen Weihnachtsmann und nun dies. Er war total
durcheinander! Auf der anderen Seite aber überglücklich und die Tränen
kullerten ihm die Wangen herunter. “Das werden mir meine Eltern niemals
glauben.

[Elch] Der Engel mit dem Gipsarm

Renate Schupp

Jetzt will ich Euch erzählen, wie Dang Fratzer einmal einen

Weihnachtsengel spielte.

Dang Fratzer geht in die dritte Klasse zu Frau Timm. Aber er sieht anders

aus als andere Kinder. Seine richtigen Eltern waren Vietnamesen. Dang ist

in Vietnam geboren. Das ist ein ganz fernes Land auf der anderen Seite der

Erde. Als Dang zur Welt kam, wütete gerade ein schrecklicher Krieg. Nie

möchte ich einem Kind wünschen, dass es in einem Land zur Welt kommt, in

dem gerade Krieg ist. Etwas Schllimmeres kann man sich nicht denken. Dangs

Eltern und alle seine Geschwister und Verwandten wurden von Soldaten

getötet. Nur er allein blieb zurück. Zum Glück war Dang noch klein und

begriff nichts. Jemand brachte ihn in ein Waisenhaus. Und eines Tages fuhr

er mit anderen Waisenkindern auf einem Schiff nach Deutschland und kam in

ein Kinderheim in unserer Stadt.

Dort sahen ihn Fratzers. Sie hatten ihn gleich so lieb, dass sie ihn mit

zu sich nach Hause nahmen und später adoptierten. Fratzers haben keine

eigenen Kinder. So ist Dang ihr Kind geworden. Er sagt Papa und Mama zu

Herrn und Frau Fratzer und ist ebenso gut deutsch wie jedes andere Kind in

der Straße.

Von Vietnam und vom Krieg weiß er nichts mehr. Nur nachts hat er manchmal

schlimme Träume. Dann schlägt er um sich und schreit. Aber am Morgen hat

er alles vergessen und ist wieder vergnügt.

Als Frau Timm nach den Herbstferien anfing, mit der Klasse ein

Krippenspiel einzuüben, wollte Dang unbedingt den Verkündigungsengel

spielen. Der Verkündigungsengel – das ist der, der den Hirten auf dem Feld

die Geburt des Jesuskindes verkündet. Die ganze Klasse lachte, als Dang

sich dafür meldete. Und Marion Holzapfel, die unter allen Umständen

selbedr den Engel spielen wollte, rief: „Quatsch! Ein Junge kann doch kein

Engel sein!“ „Kann er doch“, antwortete Dang eigensinnig. „Schließlich

heißt es der Engel!“

Und am anderen Tag kam er an und verkündete: „Mein Papa sagt, in der Bibel

sind die Engel überhaupt immer nur Männer und haben Männernamen.“ „Aber

sie sehen nicht vietnamesisch aus!“, rief Marion. „Sie haben helle, blonde

Haare und eine liebliche Stimme.“ Das mit der Stimme sagte sie, weil Dang

eine rauhe, brummelige Stimme hat.

Aber am nächsten Tag meldete sich Dang wieder und erklärte: „Mein Papa

sagt, in den biblischen Geschichten steht gar nichts davon, wie Engel

aussehen und was sie für Stimmen haben.“ „Das stimmt“, gab Frau Timm zu.

„Da hat Dein Papa Recht.“ Und um die Sache endlich zu entscheiden, machte

sie zwei Loszettel – einen leeren und einen, auf dem „Engel“ stand. Sie

ließ Dang und Marion ziehen. Und es war Dang, der gewann. Marion zog den

leeren Zettel und sollte bei den himmlischen Heerscharen mitsingen, weil

sie eine liebliche Stimme hat. Sie war so enttäuscht! Dang aber war der

eifrigste Verkündigungsengel, der jemals in der Kirche herumgeschwebt war.

Ja, es sah wierklich fast so aus, als ob er schwebte, wenn er in dem

weißen Gewand, das seine Mutter ihm genäht hatte, hinter dem Altar

hervortrat und mit hochgereckten Armen die himmlische Botschaft

verkündete.

Doch eines Tages kam er zur Probe und hatte den rechten Arm in Gips.

Stellt Euch vor, er hatte heimlich vom Garagendach aus „fliegen“ geübt,

weil er dachte, es wäre nützlich für einen Engel, wenn er wenigstens ein

klein wenig fliegen könnte. Leider war er bei der Landung so ungeschickt

aufgekommen, dass er sich den Arm gebrochen hatte. Frau Timm hörte sich

die Geschichte an und schüttelte bekümmert den Kopf. „Ich kann mir ja

wirklich alle Arten von Engel vorstellen“, sagte sie, „Jungen und Mädchen,

schwarz oder weiß oder vietnamesisch. Aber einen Engel mit Gipsarm? Wie

willst Du denn nun die Arme ausbreiten, wenn Du den Hirten die Botschaft

verkündest?“ Marion Holzapfel kam herbeigestürzt und rief: „Jetzt kann

Dang nicht mehr der Engel sein, nicht wahr, er kann kein Engel mehr sein?“

Aber Dang schob sie zur Seite und sagte zu Frau Timm: „Mein Papa sagt, es

kommt nicht darauf an, ob ein Engel die Arme ausbreiten kann oder nicht.

Es kommt auf die Botschaft an. Und die kann ich ja sagen!“ Und er riss den

Mund auf und ließ die Backenmuskeln spielen, damit jeder sehen konnte, wie

gut sein Mund in Ordnung war. Frau Timm seufzte. „Na schön“, sagte sie.

„Aber pass auf, dass Du Dir bis zur Aufführungnicht noch einen Zahn

herausbrichst.“ Das versprach dang.

So geschah es, dass in diesem Jahr der Verkündigungsengel schwarze,

struppige Haare hatte, vietnamesisch aussah und den rechten Arm in der

Schlinge trug. Die Leute, die am Heiligen Abend in die Kirche kamen und

sich das Krippenspiel anschauten, wunderten sich ein wenig darüber. Manche

dachten wohl, es sei noch gar nicht der richtige Verkündigungsengel. Aber

dann erhob er seine Stimme und sagte: „Fürchtet Euch nicht! Siehe, ich

verkündige Euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn Euch

ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der

Stadt Davids.“ Da begriffen die Leute, dass alles seine Richtigkeit hatte.

Das Weihnachtsgeschenk

Christian Metzner

So empört wie an diesem Heiligabend war Adele Siebert selten zuvor in ihrem Leben gewesen. Mit ihren dreiundachtzig Jahren hatte sie schon einiges erlebt, aber dies war der Gipfel der Unverschämtheit. Während die beiden Beamten der Koblenzer Kriminalpolizei in ihrer Wohnung tätig waren, ging sie aufgeregt hin und her und schimpfte ohne Unterbrechung. «Wie kann jemand so etwas tun? Was sind das nur für Menschen? Und dann auch noch an Weihnachten!» Einer der beiden Polizisten stieg von einem Schemel vor dem Wohnzimmerschrank und drehte sich um. Dabei fiel sein Blick auf einen kleinen Weihnachtsbaum auf einem Beistelltisch. Das Bäumchen war mit Strohsternen und echten weißen Kerzen geschmückt. «Woher kennen Sie eigentlich den Enkel-Trick?» «Ach», sagte Adele und winkte ab. Die Frage des Polizisten stoppte sie in zweierlei Hinsicht. Sie blieb stehen und hörte auf zu schimpfen. «Ich habe doch keine Enkel, außerdem stand dieser Trick schon in der Zeitung. Mir ist ohnehin schleierhaft, wie man auf so einen billigen Trick hereinfallen kann.» Nun unterbrach der andere Kripobeamte seine Arbeit im Nebenzimmer und kam in den Wohnbereich. Auch er musterte das heimelig aussehende schlichte Weihnachtsbäumchen. «Frau Siebert, diese Menschen glauben das, weil sie es glauben wollen und weil diese Betrüger ihnen etwas vorgaukeln, das sie im tiefsten ihres Inneren wollen. Manche Opfer wurden um mehrere tausend Euro geprellt, und trotzdem haben sie es noch Monate und auch Jahre später nicht wahrhaben wollen und glaubten fest an Enkel.» «Ich jedenfalls glaube es nicht, und ich kann diese Naivität auch nicht nachvollziehen», entgegnete Adele und wollte wieder mit dem Schimpfen anfangen. Das aber verhinderte eine weitere Frage.

«Hat er gesagt, dass er in Schwierigkeiten steckt und dass er dringend Geld braucht?» «Nein, das hat er nicht.» «Was hat er genau gesagt?» «Der Mann am Telefon sagte: enzimmer wieder ein, die hatte sie völlig vergessen, «Sie können jetzt rauskommen», rief sie laut, Ralf blickte überrascht auf, als sich die Türklinke bewegte. Die beiden Polizisten kamen herein und forderten ihn freundlich auf, sich auszuweisen. Obwohl sie sichtlich gerührt waren, machten ■ lie sich vorschriftsmäßig Notizen,

«Warum musst du denn heute Abend noch fahrenf», ffiigte Adele besorgt, «Willst du etwa schon wegp» «Ja, das will ich, ich möchte jetzt mit dir zu meinen Eltern fahren, zu meiner Frau und zu unserer kleinen Tochter Lara, die ist vier. Alle freuen sich schon auf dich,» •;Heißt das etwa, ich bin nicht nur Oma, sondern auch 1 Uroma,“» «Ja, das bist du. Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen,»
Aber Ralf, ich habe doch gar kein Geschenk!“ „Oma, du bist das Weihnachtsgeschenk!»

Die Puppe – ein wahres Weihnachtsmärchen

— Autor: Ingrid Heyder
Eines Morgens saß sie einfach da, mitten im Schaufenster des kleinen
Spielwarenladens an der Ecke.
Auf dem Weg zur Schule kam ich jeden Morgen daran vorbei und blieb auf dem
Heimweg längere Zeit vor dem Fenster stehen, um die Herrlichkeiten zu
bewundern. Spielzeug war für mich als Neunjährige so etwas wie ein
Lebenselixier, Spielzeug und Bücher. Aber damals, 1951, gab es von allem
ganz wenig. So drückte ich mir die Nase platt vor diesem Schaufenster und
träumte, ich wäre eine Prinzessin und könne davon soviel haben, wie ich nur
wollte.
Nun saß sie da, die kleine Babypuppe mit krummen Ärmchen und Beinchen. Sie
trug einen rosa Strampelanzug, ein weißes Jäckchen und ein weißes Mützchen.
Eine solche Puppe hatte ich noch nie gesehen. Sie hatte noch eine
Besonderheit: sie hatte braune! Augen, so wie ich. Die Puppen, die man bis
dahin kannte, hatten blaue Augen. Diese Puppe ergriff mich total. Ich liebte
sie, als sei sie ein Kind von mir. Von nun an ging ich schon fünf Minuten
früher zur Schule, um sie sehnsüchtig anzuschauen. Mit der Zeit hatte ich
auch einen Namen gefunden: Irene! Ja Irene ist schön. Zuhause hatte ich
davon nichts erzählt, hoffte aber insgeheim, dass Mutter sie auch sehen
würde und sie als Weihnachtsüberraschung kaufen könnte. Aber das war nur ein
Traum.
Eines Tages fasste ich meinen ganzen Mut zusammen, drückte auf die Klinke
und trat vorsichtig in den Laden ein. Eine Glocke läutete beim Öffnen der
Tür. Ein mittelgroßer Mann mit grauen Haaren kam aus dem Nebenraum, beugte
sich zu mir herunter und fragte: „Na, mein kleines Fräulein, was wünschst Du
denn?“ „Ach, ich“ stotterte ich, „die Puppe da, das Baby, wie viel kostet
es?“ Der Mann holte aus dem Regal eine Mappe, schaute hinein und dann wieder
auf mich und sagte freundlich: „Warte, sie kostet, na, ach hier hab ich’s,
..es ist eine Schildkröt-Puppe, ganz neue Kreation -21 Mark.“ Mir wurde ganz
schwindlig.
21 Mark! Ein so hoher Preis! Der Mann sah mein enttäuschtes Gesicht und
meinte tröstend: „Vielleicht bekommst Du sie ja vom Christkind. Christkind?
Das gibt’s doch gar nicht.
Ich bedankte mich artig, knickste und ging eilends hinaus. 21 Mark!. So ein
teures Geschenk konnten sich meine Eltern gar nicht leisten. Dazu fehlte das
Geld und schließlich waren da auch noch meine beiden jüngeren Geschwister,
mein Bruder von 5 Jahren und meine kleine Schwester ein Säugling von 8
Monaten.
Vater war Schneider. Er arbeitete viel, die Nähmaschine ratterte
unaufhörlich, manchmal bis spät in die Nacht. Aber es reichte hinten und
vorne nicht, um die 5-köpfige Familie über die Runden zu bringen.
Das wenige Geld musste für Essen und notwendige andere Sachen reichen.
Um ein besseres Einkommen zu haben, hatte Vater sich auf eine vermeintlich
sichere Sache eingelassen. Ein dick beleibter Herr mit Homburger Hut und
Zigarre (er sah damit sehr reich aus) besuchte und und bot ihm an, seine
Anzüge und Kostüme zu vertreiben. „Maßkonfektion“ war das Zauberwort. Vater
nähte sich die Finger blutig und Mutter brachte mit dem Fahrrad die fertige
Ware zu der „Firma“. Mal bekam sie dafür Geld, mal nicht, angeblich, weil
die Ware nicht verkäuflich war. Wirtschaftlich war es ziemlich schwer bei
uns daheim. Wie konnte ich denn dann eine Puppe für 21 Mark erwarten? Ach,
weiter träumen.

Eines Morgens – es war so um den 1. Advent herum – war die Puppe aus dem
Schaufenster verschwunden! Der Schreck und meine Trauer waren groß. In der
Schule war ich nicht konzentriert. Auf dem Heimweg ging ich schnurstracks in
den Laden und fragte nach ihrem Verbleib. „Das Baby ist leider seit gestern
verkauft, tut mir sehr leid für dich. Mein Traum war ausgeträumt. Große
Enttäuschung und Trauer ergriffen mich. Ich konnte meine Tränen nicht
zurückhalten. Täglich ging ich noch an diesem Geschäft vorbei, um zu sehen,
ob sie doch noch dort saß. Nein, vergebens. Sie war einfach weg.

Weihnachten rückte näher. Mutter stöhnte, dass wieder kein Geld da sei.
An Heiligabend packte sie die letzte Ware für dieses Jahr auf ihr Fahrrad
und fuhr damit zu dieser „Firma“.
Ohne Geld, nur mit einem Verrechnungsscheck, der möglicherweise gar nicht
gedeckt war, kam sie nach Hause. Kein Geld, auch kein Weihnachtsbaum, kein
Festtagsbraten., keine Geschenke. Vater sagte nur „Oh du fröhliche“…
Doch dann geschah ein Wunder: Der Metzger, der unten im Haus eine kleine
Fleischerei betrieb, tauschte diesen Scheck gegen Bares ein und schenkte
darüber hinaus noch einen großen Schweinebraten.
Vater hatte doch noch einen Weihnachtsbaum erstanden, einen Restposten, der
erstmal durch Anbohren und Einsetzen von Zweigen „ geschönt“ werden musste.
Doch als er geschmückt war, war er wunderschön, duftete nach Tanne und sah
ganz festlich aus.
Der Schweinebraten brutzelte auf dem Herd und verbreitete ein köstliches
Aroma. Tannenduft und Schweinebraten! Ach, es war herrlich. Auch die Freude,
zur Christmette zu gehen, war groß. Nun hatten wir doch Weihnachten!
Nach dem Essen sagte Mutter ganz feierlich: „so, jetzt geht alle mal zu
Herrn Köller, vielleicht kommt doch zu uns das Christkind“. Herr Köller war
Student und bewohnte ein kleines Zimmer auf der Etage. Insgeheim dachte ich,
ich würde vielleicht ein kleines quiekendes Gummischwein bekommen – oder
vielleicht doch ein Buch? Herrn Köller erzählte ich, ich bekäme ein Lexikon.
Schließlich war er doch studiert. Da wollte ich nicht nachstehen. Aber auch
das war im Haushaltsbudget nicht vorgesehen.
Kling Glöckchen – klingeling. Es ertönte über dem Flur, die Tür zu unserer
Küche stand offen, ganz vorsichtig schlichen mein Bruder und ich mit dem
Säugling auf dem Arm zur offenen Tür, lugten hinein und wurden total
ergriffen. Die Eltern standen vor dem Weihnachtsbaum und sangen „Stille
Nacht… Die Kerzen verbreiteten ein warmes Licht und es war eine so
feierliche Atmosphäre, wie ich sie nie wieder erlebt habe.
Und dann sah ich sie im warmen Kerzenschimmer: – meine Irene mit braunen
Augen, rosa Strampelanzug und weißem Mützchen. Ich dachte, ich träume. War
zu uns doch das Christkind gekommen? Der Zweifel an der Existenz eines
solchen Wesens war wie weggefegt. So eine Freude!
Mein Bruder bekam ein Xylophon, auf dem er sofort mächtig drauflos haute
und meine kleine Schwester das quiekende Gummischwein. Und ich die Babypuppe
mit krummen Ärmchen und Beinchen mit braunen Augen, rosa Strampelanzug und
weißem Mützchen, das teure Geschenk. Die größte Freude aber hatte Mutter;
hatte sie doch meinen geheimsten Wunsch erfüllen können.
Später erfuhr ich, dass sie zufällig gesehen hatte, dass ich mir die Nase
vor dem Schaufenster platt drückte. Heimlich hatte Sie die Babypuppe
reservieren lassen und mit kleinen Beträgen abbezahlt, die letzte „Rate“ an
Heiligabend, die durch die Großzügigkeit des Metzgers aus unserem Haus noch
möglich geworden war.
Ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder so ein schönes Weihnachtsfest
erlebt und ein so kostbares Geschenk bekommen, es war die größte Freude und
der größte Luxus meines Lebens.
Ich habe sie immer noch – leicht lädiert – aber sie ist nunmal -meine
Irene.

[Elch] Heiligabend in der Bahnhofsmission

— Autor: Elke Abt
Heiligabend 1945. Ein Mann in einem langen Militärmantel und ein kleiner Junge, neun Jahre alt, stehen ratlos auf dem Hamburger Bahnhof. Sie wollen nach Bremen weiterfahren, haben jedoch am Auskunftsschalter erfahren, dass sie den letzten Zug verpasst haben. Erst am nächsten Morgen fährt wieder einer.
„Papa, mir ist kalt“, klagt der Junge.
„Ja, Joachim, mir auch. Wir gehen gleich in die Bahnhofsgaststätte und trinken etwas Heißes.“
„Ich habe Hunger“, quengelt Joachim.
„Für Essen habe ich kein Geld. Außerdem brauchen wir dafür Lebensmittelmarken. Die sind zu Hause bei Mama. Da müssen wir den Gürtel halt enger schnallen“, antwortet der Vater bedrückt. Ratlos schweift sein Blick in die Runde und entdeckt ein Schild: BAHNHOFSMISSION.
„Wir versuchen es mal in der Bahnhofsmission.“ Er nimmt den frierenden und hungrigen Jungen an die Hand und betritt mit ihm die caritative Einrichtung.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragt eine ältere Frau freundlich lächelnd.
„Können wir hier über Nacht bleiben? Draußen ist es kalt, und heute fährt kein Zug mehr nach Bremen, erst morgen früh wieder.“ Joachims Vater blickt die Frau hoffnungsvoll an.
Die nickt: „Wir sind zwar voll belegt, aber hier wird keiner abgewiesen, schon gar nicht am Heiligabend. Setzen Sie sich erst einmal.“ Sie zeigt auf einen langen Tisch, an dem mehrere Leute sitzen und die beiden Neuankömmlinge teils neugierig, teils gleichgültig betrachten.
„Haben Sie Hunger? Es ist noch Suppe da.“ Der Mann nickt erfreut.
„Aber keine Steckrüben“, meldet sich der Junge laut und verzieht angeekelt sein Gesicht.
„Joachim!“, tadelt der Vater und gibt ihm einen unwilligen Stoß in den Rücken. Die freundliche Frau zieht erstaunt und missbilligend ihre Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch. Den anderen Anwesenden sieht man an, was sie denken, nämlich: Ganz schön verwöhnt, das Bürschchen! Keiner weiß, weshalb das Kind dieses Gericht verabscheut.
Steckrüben erinnern Joachim an seine Flucht aus Pommern, die er Anfang des Jahres als Achtjähriger ohne seine Mutter und Brüder angetreten hatte. Unterwegs sah er viele schlimme Dinge, die ein Kind eigentlich nicht sehen sollte. Tote Menschen lagen am Straßenrand. Sie waren entweder von Tieffliegern erschossen worden oder an Hunger und Entkräftung gestorben. Keiner konnte sie beerdigen, weil der Boden tief gefroren war. Joachim hatte gehört, wie ein kleines, etwa fünf Jahre altes Mädchen seine Mutter fragte: „Warum liegen die Leute da im Schnee? Frieren die nicht?“
Die Mutter antwortete: „Nein, die frieren nicht. Sie wollen nur eine Weile ausruhen und schlafen ein bisschen.“
Die Kleine hatte sich damit zufrieden gegeben, Joachim aber wusste, dass es Tote waren.
Er hatte mit ansehen müssen, wie sich hungrige Menschen aus verletzten oder vor Erschöpfung zusammengebrochenen Pferden Fleischstücke herausschnitten, obwohl sie noch lebten. Dazu war die erbarmungslose Kälte gekommen. Joachim war die meiste Zeit lieber zu Fuß gegangen, weil er auf dem Wagen beinahe erfroren wäre.
Alles begann eines Tages im Januar 1945, als seine Tante zu ihrer Schwester, Joachims Mutter, nach Glietzig/Pommern kam. Sie wollte Fleisch und Wurst abholen, denn die Mutter arbeitete auf einem Gutshof in unmittelbarer Nähe und bekam dafür ein Fleischdeputat, das sie mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern teilte. Die nahmen dankbar an, denn sie hatten nicht genug zu essen. Ihr Wohnort lag etwa zwanzig Kilometer entfernt, man kam also in nicht allzu langer Zeit zueinander. Joachims Vater war im Krieg und fiel als Hauptesser aus. Joachim und seine vier Brüder, drei von ihnen jünger als er, konnte man noch nicht als vollwertige Fleischkonsumenten rechnen.
Die Mutter hatte der Schwester die Taschen so voll gepackt, dass Joachim, ihr zweitältester Sohn, ihr tragen helfen musste. Er begleitete seine Tante nach Hause, weil sie nach der Zugfahrt noch einen vier Kilometer langen Fußmarsch mit der schweren Last vor sich hatte. Er sollte über Nacht bleiben und am nächsten Tag mit dem Gegenzug zurückfahren. Am folgenden Morgen hatte man jedoch die Bahnstrecke gesperrt. Ihnen wurde mitgeteilt, dass der Zugverkehr eingestellt worden sei und sie sich unmittelbar für den Aufbruch in den Westen bereitmachen sollten. Die russische Armee war schon sehr nahe und konnte jeden Moment durchbrechen. So machten sich die beiden Tanten und Joachims Oma fertig für die Flucht und nahmen den Jungen mit.
Joachim, der keine Kleidung von zu Hause mitgebracht hatte, bekam eine viel zu große Jacke seines Onkels verpasst, der irgendwo als Soldat kämpfte. So ausgestattet ging der Junge mit seiner Verwandtschaft in einem Planwagen auf die lange Flucht und hoffte, unterwegs seine Mutter und die Brüder wiederzufinden.
Während der Flucht erlebte Joachim unter anderem die Sache mit den Steckrüben, die er nicht vergessen konnte. Eines Tages, als der lange Flüchtlingstreck mal wieder angehalten hatte, um während der Nacht.
auszuruhen, wurde Joachim von köstlichen Essensgerüchen magisch angezogen. Er ging immer der Nase nach und stieß auf einen Trupp Soldaten, der sich auf dem Rückzug befand. Von einem verlassenen Bauernhof hatten sich die Männer ein Schwein geholt und es in aller Eile geschlachtet. Es war keine Zeit, das Tier gründlich zu enthaaren. Außerdem fehlte den Soldaten wohl das geeignete Werkzeug dazu. Zusammen mit ein paar Steckrüben und Kartoffeln wurde das Fleisch in einem großen Kessel der Feldküche gekocht. Einer der Männer gab dem hungrig umherstreunenden Jungen einen Teller mit der heißen Steckrübensuppe, die scheußlich schmeckte, denn Salz hatten die Soldaten offenbar nicht gefunden. Joachim ekelte sich vor den vielen Borsten, die in der Suppe schwammen.
Trotzdem aß er alles auf, denn er hatte schrecklichen Hunger. Aber seitdem mochte er keine Steckrüben mehr essen und sollte diese Abneigung sein Leben lang behalten.
In Schleswig-Holstein, kurz vor der dänischen Grenze, fanden Joachim und seine Verwandten vorübergehend ein neues Zuhause. Die Tante wandte sich ans Rote Kreuz, das einen stark frequentierten Suchdienst eingerichtet hatte. Täglich wurden die Namen Vermisster im Rundfunk bekanntgegeben. Mit einer Suchnummer versehen, konnte man sie außerdem an Litfassssäulen und in Zeitungen lesen. So fanden Joachim und sein Vater zueinander. Eines Tages im Herbst erschien er bei der Verwandtschaft, Joachim war überglücklich. Sofort wollte er mitkommen, den Vater nie mehr missen. Der aber vertröstete den Jungen: „Ich muss erst die Mama und deine Brüder finden. Aber Weihnachten sind wir bestimmt alle wieder zusammen, das verspreche ich dir!“
Der Vater hielt Wort und kam am 23. Dezember 1945, um Joachim abzuholen. Am nächsten Tag machten sich die beiden auf den Weg, kamen aber mit großer Verspätung in Hamburg an und verpassten den Anschlusszug nach Bremen!
Vater und Sohn haben inzwischen am großen Tisch in der Bahnhofsmission Platz genommen. Die Frau bringt ihnen einen Teller heiße Suppe, die besser schmeckt, als sie aussieht. Dazu gibt es ein Stück Brot. Joachim ist erleichtert, dass keine Steckrüben drin sind, und isst gierig alles auf. Nachdem sie noch einen Becher Kräutertee getrunken haben, sind sie satt und müde zugleich. In einem Nebenraum sind gerade zwei Feldbetten frei geworden. Obwohl es dort eiskalt ist – Brennmaterial ist knapp und man heizt deshalb nur den Aufenthaltsraum – nehmen sie dankbar an, als sie gefragt werden, ob sie sich hinlegen wollen. Leider gibt es keine Decken mehr, und so decken sie sich mit ihren Mänteln zu. Der Vater kann in der Nacht kein Auge schließen wegen der Begehrlichkeiten, die ihre warme Kleidung weckt. Er verteidigt vehement seinen Militärmantel und den Mantel seines Sohnes. Wenn allzu dreiste Hände danach greifen, schlägt er auch mal mit dem Koppel um sich. Die Stiefel hat er lieber gleich anbehalten. Auch Joachim hat sein schäbiges Schuhwerk an den Füßen. Es ist sein einziges Paar. Außerdem ist der Mantel zu kurz, um seine Füße zu bedecken.
Am nächsten Morgen fahren Vater und Sohn mit dem ersten Zug nach Bremen. Joachim ist nach der aufregenden Nacht in der Bahnhofsmission sehr müde und nickt trotz des bevorstehenden Wiedersehens ein paarmal ein. Der Vater bleibt hellwach und passt auch hier auf, dass man sie nicht bestiehlt.
Am Ziel angekommen, müssen sie noch eine Weile auf den Vorortzug nach Bremen-Nord warten, der sie in die Nähe ihrer neuen Heimat bringen wird. Doch auch danach haben sie noch eine Stunde Fußmarsch vor sich. Mit jedem Schritt wächst Joachims Vorfreude auf seine Mutter und die vier Brüder, die er fast ein Jahr lang nicht gesehen hat.
Dann sind sie endlich da. Die Wiedersehensfreude ist grenzenlos. Joachim durchzieht ein lange entbehrtes Glücksgefühl: Er ist wieder zu Hause, alle sind wieder beisammen. Wirklich alle?
Er hat ja seinen jüngsten Bruder noch gar nicht umarmt. Wo steckt der denn?
„Wo ist denn Hans?“ fragt Joachim.
Und mitten in all der Seligkeit erfährt er die schlimme Geschichte von der explodierten Handgranate, die Hans im Herbst das Leben kostete. Siegfried, der ältere Bruder, hatte sie gefunden.
„Zeig mal her!“ hatte Hans gerufen und ihm die Granate aus der Hand gerissen. Die explodierte dabei und verletzte den Jungen tödlich.
Das ist ein schwerer Schlag für Joachim! Mitten im Glück, wieder eine Familie in einem gemeinsamen Heim zu sein, die Hiobsbotschaft vom Tod des Bruders! Wie soll seine arme Kinderseele all die widersprüchlichen Emotionen verkraften?
Es hätte der glücklichste Heiligabend seit langem sein können. Doch der kleine Bruder fehlt schmerzlich. Nun sind sie nur noch vier Brüder. Im Laufe der nächsten Jahre werden zwei weitere Jungen geboren, die Zeiten werden besser, es wird auch wieder unbeschwertere Weihnachten geben. Den Heiligabend 1945 aber hat Joachim niemals vergessen.

[Elch] Petra und der Weihnachtwolf

von Andrea Schober

Es war einmal ein Mädchen, das hieß Petra und es war unheimlich frech.
Petras Eltern wussten oft nicht, was sie machen sollten, weil Petra eben
ihren eigenen Kopf hatte und sich fast nichts sagen ließ. Wenn ihre Eltern
sagten: „Petra, deck mal den Tisch!“, dann holte sie sämtliche Töpfe aus dem
Küchenschrank und stellte sie auf den Tisch. Wenn dann jemand schimpfte,
sagte sie einfach nur: „Ich weiß nicht, was ihr wollt, der Tisch ist gedeckt
und wenn euch das so nicht passt, müsst ihr es eben selber machen.“ Petra
hatte immer gute Ideen. Da es bis Weihnachten nicht mehr weit war, hatte sie
sich auch schon genau ausgedacht, was sie sich wünschte. Sie liebte Märchen
und ihr größter Wunsch war bereits seit längerer Zeit ein Haustier. Als
Petras Eltern sie dann eines Tages nach ihren Weihnachtswünschen fragten,
sagte Petra :“Ich habe dieses Jahr nur einen einzigen Wunsch und der ist
sehr wichtig. Ich habe schon einen Brief an den Weihnachtsmann und an das
Christkind geschrieben und ihr müsst ihnen diese Briefe unbedingt geben.“
Vater und Mutter schauten sich an und rätselten, was das wohl für ein Wunsch
sein könnte. Petra flüsterte ihren Eltern zu:
„Es ist der tollste Wunsch, den ich je hatte und er muss auch ein Geheimnis
bleiben. Ihr dürft ihn keinem anderen sagen, sonst geht er vielleicht nicht
in Erfüllung!“ Petras Eltern wunderten sich sehr über das geheimnisvolle
Reden ihrer Tochter. „Was ist es denn?“, fragte der Vater. Petra machte
wieder dieses ernste, geheimnisvolle Gesicht und sagte dann „Ich wünsche mir
einen Wolf, einen echten Wolf, kein Kuscheltier, sondern richtig lebendig
muss er sein!“ „Aber…aber das geht doch gar nicht!“, sagte die Mutter
verwirrt. „Du bist verrückt, Petra!“, sagte ihr Vater. Aber Petra ließ sich
nicht beirren: „Zu Weihnachten hat jedes Kind einen Wunsch frei, sonst
brauchen wir dieses Jahr gar kein Weihnachten zu feiern!“ Petras Eltern
waren ratlos. „Dieses Kind hat immer die unmöglichsten Ideen, von wem hat
sie das nur?“ meinte der Vater. „Von mir nicht!“, entgegnete sogleich die
Mutter. Sie malte sich schon ein sehr trauriges Weihnachtsfest aus mit einem
enttäuschten Kind. “Petra redet kein Wort mehr mit uns!“, sagte die Mutter.
Und der Vater erwiderte: “Sie wird einmal lernen müssen, dass sie ihren Kopf
nicht immer durchsetzen kann und wenn es sein muss, dann eben auch an
Weihnachten!“.
Petra war in den kommenden Tagen sehr fröhlich und aufgeregt. Sie war der
festen Überzeugung, dass ihr Wunsch nun in Erfüllung gehen musste. Sie
tanzte durchs Haus und sang Weihnachtslieder. „Einen Wolf, wie bei
Rotkäppchen und den sieben Geißlein werde ich bekommen“, dachte sie immer
wieder und „Ich werde mit ihm spazieren und zur Schule gehen. Das wird
super. Dann bin ich die Coolste in meiner Klasse!“. Die Eltern waren dagegen
sehr nachdenklich, wussten sie doch nicht, wie sie dem Weihnachtsdisaster
entkommen konnten. Sie dachten nach, aber ihnen fiel nichts ein. Weihnachten
kam näher und plötzlich hatte der Vater eine Idee.
Zu seiner Frau sagte er „Petra wird ihren Wunsch bekommen!“„Was?“, fragte
die Mutter „bist Du jetzt auch schon ganz durchgeknallt? Du kannst doch
nicht allen Ernstes…!“ „Doch, ich kann!“, sagte der Vater, „den Wunsch
unserer Tochter noch einmal erfüllen. Aber nur weil Weihnachten ist! Lass
mich nur machen!“. In den nächsten Tagen war der Vater sehr beschäftigt. Er
werkelte und hämmerte draußen, deckte jedoch alles immer zu, so dass niemand
wusste, was er da eigentlich tat. Die Mutter fragte sich immer wieder, was
da vor sich ging und wieso Petras Vater plötzlich die Anschaffung eines
Wolfes befürworten konnte. Sicher baute er schon einen Käfig für den Wolf.
Vielleicht sollte es ja auch nur über Weihnachten hier leben. Was für
Gedanken: Weihnachten mit Wolf oder ohne Wolf. Sie wusste eigentlich gar
nicht, was schlimmer wäre.
Weihnachten kam heran und der Vater fuhr öfters mit dem Auto weg als sonst.
Petra hockte heimlich hinter den Fensterscheiben und versuchte bei seiner
Heimkehr zu erkennen, ob er vielleicht einen Wolf im Auto hätte oder dieser
schon draußen herumlief. Aber sie konnte nichts sehen. Die Spannung bei
Mutter und Tochter wuchs bis zum Heiligen Abend ins Unermessliche. Dann war
es endlich so weit.
Der Vormittag verging langsam und Petra wurde immer unruhiger. „Wann ist es
endlich so weit, wann ist Bescherung?“, fragte sie ständig die Mutter.
“Bald!“ antwortete diese nur noch genervt.
Dann sagte Petra plötzlich: “Kannst Du mir bitte noch einmal das Märchen von
Rotkäppchen vorlesen?“ Die Mutter war froh, denn sie hoffte eine
Beschäftigung zu finden, die Petra für eine Weile ruhiger werden ließ. Wenn
das Thema ihr auch nicht behagte.
So fing sie an, Petra das Märchen vorzulesen. Als die Stelle kam, wo der
Wolf die Großmutter auffraß und hinterher auch Rotkäppchen, schaute Petra
plötzlich etwas besorgt aus. „Frisst ein Wolf wirklich Kinder?“, fragte sie
ihre Mutter. „Normalerweise nicht!“, sagte die Mutter, „Aber normalerweise
lebt ein Wolf auch draußen im Wald, wo es keine Menschen in der Nähe gibt.
Es ist schließlich ein wildes Tier. Ich weiß nicht, was ein Wolf macht, wenn
er plötzlich in unserem Wohnzimmer herumläuft, das hat wohl kaum jemand
schon ausprobiert!“. Petra sieht ihre Mutter mit großen Augen an. „Er wird
mich doch nicht fressen wollen?“, fragte sie nun etwas ängstlich, „Ihr passt
doch auf mich auf, nicht wahr?“ Die Mutter zuckte mit den Schultern: „
Natürlich passen wir auf dich auf, aber ein Wolf hat scharfe Zähne und ich
hoffe, dein Papa weiß, wie er ihn beaufsichtigen muß!“. „Hast Du Angst, wenn
der Wolf gleich kommt“, fragte Petra weiter. „Oh ja!“, sagte die Mutter,
„ich fürchte mich schon sehr vor Wölfen, besonders wenn einer in unser Haus
kommt“. Petra war sich plötzlich ihres Wunsches nicht mehr so sicher.
„Hoffentlich frisst er nicht meine Mama auf“, dachte sie und wurde wieder
unruhig. „Vielleicht hätte ich mir doch besser etwas anderes gewünscht“,
meinte sie so zu sich selbst. Doch dafür war es nun zu spät.

Es klingelte an der Tür. Die Mutter sagte: “Jetzt kommt der Weihnachtsmann.
Ich lasse ihn mal ins Wohnzimmer hinein. Du bleibst hier in der Küche.“
Petra hockte sich in die Küchenecke. Sie merkte, dass sie vor Angst etwas
zitterte. Sie lauschte ganz genau, was sich im Flur und im Wohnzimmer
abspielte. Sie konnte außer ein paar Schritten jedoch nichts hören. “Zum
Glück“, dachte Petra „ist meiner Mami nichts passiert, sonst hätte sie ja
geschrien!“ Sie atmete erleichtert auf, als nach einer Weile die Mutter
wieder in die Küche kam. Kurz darauf kam auch der Vater und rief: „Der
Weihnachtsmann war da. Es gibt jetzt eine große Bescherung!“ Petra schaute
ihn unsicher an und fragte ihren Vater: „Papa frisst der Wolf mich auch
nicht auf, oder die Mama oder dich?“ Der Vater zuckte mit den Schultern und
meinte nur: “Ich hoffe nicht! Den Weihnachtsmann hat er zumindest nicht
gefressen!“ Petra wollte, dass der Papa sie in seinen Armen ins Wohnzimmer
trägt, aber ihr Vater sagt: „Das geht nicht! Deinen Weihnachtswunsch musst
du dir schon selbst abholen!“. Dann fragte er Petra: “Wie sieht denn
eigentlich ein Wolf aus?“. Petras Stimme zitterte: „Wie ein Hund halt, mit
spitzen Ohren und großem Maul“.

Dann öffnete der Vater die Tür zum Wohnzimmer. Petras Herz hörte fast auf zu
schlagen. Als sie ins Zimmer trat, sprang etwas an ihren Beinen hoch. Petra
schrie vor Schreck. Doch dann passierte weiter nichts. Als sie genauer
hinschaute, sah sie einen kleinen Hund mit weißem Fell, der sich freute,
dass jemand ins Zimmer kam. Er hatte spitze Ohren und für seine Größe auch
eine passend große Schnauze.
„Ist der süß!“, rief Petra erleichtert, „Ist das ein echter Wolf?“ Der Vater
zwinkerte ihr mit einem Auge zu und sprach: „Natürlich! So echt wie du ihn
dir wirklich gewünscht hast!“ „Und was hast du da draußen die ganze Zeit
gebaut?“, fragte die Mutter.
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Adventsgeschichte von einem besonderen Adventskalender und einem kleinen Engel

Einen aufregenden Adventskalender hat Anna bekommen. Er ist nicht aus Pappe,
nein, quer durch ihr Zimmer hängt eine lange Kette mit vierundzwanzig bunt
verpackten Päckchen. Darauf stehen die Zahlen eins bis vierundzwanzig.
Spannend sieht das aus. Vorsichtig befühlt Anna die einzelnen Päckchen, doch
den Inhalt kann sie leider nicht erraten. Sie seufzt.
„Warten ist ja sooo schwer! Wenn doch nur schon bald Weihnachten wäre.“
Vorsichtig schnuppert und rüttelt sie an dem Päckchen mit der Nummer eins.
„Aua!“, tönt es leise aus dem Päckchen. „Das tut weh.“
Anna erschrickt. Da ist jemand in dem Päckchen versteckt. Sie will es von
der Leine nehmen und rasch öffnen.
„Warte, ruft da eine helle Stimme. „Ich bin erst morgen für dich da. Und nun
wünsche ich dir eine gute Nacht. Träume schön!“
„Ich kann nicht schlafen, bevor ich nicht weiß, wer du bist“, sagt Anna.
„Ich …“ Sie muss gähnen und schläft – schwups – ein.
Plötzlich steht eine helle Gestalt mit einem fröhlich lächelnden Gesicht
vor Anna. Sie trägt ein weißes, mit goldenen Sternchen geschmücktes Kleid
und hält eine Posaune unter dem Arm geklemmt.
„W-wer bist du?“, staunt Anna.
„Rate!“, antwortet das fremde Wesen.
Anna überlegt. „Ein Engel. Bist du Weihnachtsengel?“
„Stimmt.“ Der Engel setzt die Posaune an die Lippen und spielt „Alle Jahre
wieder kommt das Christuskind …“
Schön klingt das. Anna kann nicht anders. Sie singt mit.
„Advent ist die Zeit der Lieder und Geschichten“, freut sich der kleine
Engel. „In diesem Jahr werde ich im Advent bei dir sein.“ Er grinst
schelmisch. „Aber nur, wenn du das auch so haben willst.“
„Jaaa“, ruft Anna. „Ich hab mir schon immer meinen eigenen Engel gewünscht.
Jajaja.“
Sie ruft dieses „Jajaja“ so laut, dass sie davon aus dem Schlaf schreckt.
Verwundert setzt sie sich im Bett auf. Wer hat da eben „Jajaja“ gerufen?
In der Küche hört Anna, wie Papa Kaffee kocht, und aus dem Bad klingt Mamas
Stimme. Ist die Nacht schon vorbei? Anna schüttelt sich. Sie ist doch eben
erst zu Bett gegangen, und dann ist dieser Engel gekommen. Oder hat sie das
nur geträumt? „Schade eigentlich“, murmelt Anna.
Dann fällt ihr ein, dass heute erster Adventstag ist. Schnell schlüpft sie
aus dem Bett und pflückt sich das Päckchen mit der Nummer eins von der
Adventskalenderkette. Vorsichtig packt sie es aus – und was findet sie?
Einen kleinen Engel mit einer Posaune unter dem Arm. Lieb lächelt er, der
Engel.
„Hallo, Engel“, flüstert Anna. „Da bin ich wieder.“
„Hallo, Anna. Ich wünsche dir einen schönen Advent.“
Mama steht an der Tür und lächelt Anna zu.
War es Mama, die ihr eben einen schönen Advent gewünscht hat – oder ist es
doch der kleine Engel gewesen, der vielleicht ein Zauberengel ist und
sprechen kann?

Finnland: Nationalfeiertag

Finnland: Nationalfeiertag

Gefeiert wird die Unabhängigkeit von Russland am 6. Dezember 1917. Zu
Beginn des 19. Jahrhunderts war das Land als Großfürstentum Finnland
unter russische Herrschaft gelangt. Erst im Zuge der bolschewistischen
Revolution konnte sich das „Land der 1000 Seen“ lösen.

Neben Militärparaden besucht man die Kriegsgräber. Am Abend gibt es
einen Staatsempfang, der im Fernsehen übertragen wird. Die Menschen
stellen blauweiße Kerzen als Zeichen der Unabhängigkeit in die Fenster.

24 Türchen

Autor: Heidrun-Auro Brenjo
Das 1. Türchen klopft leise an

Und erste Tannen duften dann

Das 2. Türchen schwer sich öffnen lässt

Das Marzipanschwein ist zu fett

Aus dem 3. Tor ein Adventsgedicht erklingt Aus dem 4. Fenster Frau Holle
dazu singt Im 5. Fenster geht es ab Da werden alle Schuhe blitzblank gemacht

Im 6. Haus ruhen sich alle aus

Und warten auf den Nikolaus

Dann in der Nacht zur 7

Lernen die ersten Engel fliegen

Gebacken wird im 8. Haus

Im 9. holen wir den Schlitten raus

Im 10. Haus ist längst Advent

Alsdann die zweite Kerze brennt

Weihnachtsgeschichten drängen aus dem 11. Haus Und freuen sich auf den
Weihnachtsschmaus Das 12. Tor will eine Pause Mit Spekulatius und ner Brause

Ab 13 geht es wieder ab

Leider macht jetzt die 14 schlapp

Das 15. Türchen Weihnachtsgrüße schreiben will Nr. 16 schreit nun schrill

Das 17. Türchen hält es kaum noch aus

Mit Tür 18 kommt die Familie heraus

Aus Tür 19 klingen Engelsharfen

Nur noch 5 mal schlafen

Kommt Weihnachten am 20. auf Raten

1 Tag später können die Kinder kaum noch warten Die 22 kommt mit nem
Riesenknall Es riecht nach Weihnachten überall

Der 23. wird zur Zaubernacht

Es funkelt am Baum die Kerzenpracht

Heiligabend ist es dann vollbracht

Mit den Kindern auch das Christkind lacht

Im heiligen Kerzengewand

Fängt die Tanne zu singen an

Güldene Glöckchen zart dazu klingen

Und feierlich Geschenke bringen

Weihnachten in der Speisekammer

Weihnachtsmärchen von Paula Dehmel ( 1862 bis 1918 )

Unter der Türschwelle war ein kleines Loch. Dahinter saß die Maus Kiek und
wartete. Sie wartete, bis der Hausherr die Stiefel aus – und die Uhr
aufgezogen hatte; sie wartete, bis die Mutter ihre Schlüsselkörbe auf den
Nachttisch gestellt und die schlafenden Kinder noch einmal zugedeckt hatte;
sie wartete auch noch, als alles dunkel war und die tiefe Stille im Haus
herrschte.
Dann ging sie.
Bald wurde es in der Speisekammer lebendig. Kiek hatte die ganze
Mäusefamilie benachrichtigt. Da kam Miek, die Mäusemutter, mit den fünf
Kleinen und Onkel Grisegrau und Tante Fellchen stellten sich auch ein.
“Frauchen, hier ist etwas Weiches, Süßes”, sagte Kiek leise vom obersten
Brett herunter zu Miek,
“das ist etwas für die Kinder”, und er teilte von den Mohnkuchen aus. “Komm
hierher, Grisegrau”, piepte Fellchen und guckte hinter der Mehltonne vor,
“hier gibt’s Gänsebraten, vorzüglich, sag ich dir, die reine Hafermast; wie
Nuss knuspert sich`s.”
Grisegrau aber saß in der neuen Kiste in der Ecke, knabberte am
Pfefferkuchen und ließ sich nicht stören. Die Mäusekinder balgten sich im
Sandkasten und kriegten Mohnkuchen.
“Papa”, sagte das größte, “meine Zähne sind schon scharf genug, ich möchte
lieber knabbern; Knabbern hört sich so hübsch an.”
“Ja, ja, wir wollen auch lieber knabbern”, sagten alle Mäusekinder,
“Mohnkuchen sind uns zu matschig”, und bald hörte man sie am Gänsebraten und
am Pfefferkuchen.
“Verderbt euch nicht den Magen”, rief Fellchen, die Angst hatte, selber
nicht genug zu kriegen,
“an einem verdorbenen Magen kann man sterben.”
Die kleinen Mäuse sahen ihre Tante erschrocken an; sterben wollten sie ganz
und gar nicht, das musste schrecklich sein. Vater Kiek beruhigte sie und
erzählte ihnen von Gottlieb und Lenchen, die drinnen in ihren Betten lägen
und ein hölzernes Pferdchen und eine Puppe im Arm hätten; und dass in der
großen Stube ein mächtiger Baum stünde mit Lichtern und bunten Flimmerstaat
und dass es in der ganzen Wohnung herrlich nach frischem Kuchen röche, der
aber im Glasschrank stünde und an den man nicht herankönnte.
“Ach”, sagte Fellchen, “erzähle nicht soviel, lass die Kinder lieber essen.”
Die aber lachten die Tante mit dem dicken Bauch aus und wollten noch viel
mehr wissen, mehr als der gute Kiek wusste.
Zuletzt bestanden sie darauf, auch einen Weihnachtsbaum zu haben, und die
zärtlichen Mäuseeltern liefen wirklich in die Küche und zerrten einen Ast
herbei, der von dem großen Tannenbaum abgeschnitten war. Das gab einen
Hauptspaß.
Die Mäusekinder quiekten vor Entzücken und fingen an, an dem grünen
Tannenholz zu knabbern, das schmeckte aber abscheulich nach Terpentin, und
sie ließen es sein und kletterten lieber an dem Ast herum. Schließlich
machten sie die ganze Speisekammer zu ihrem Spielplatz. Sie huschten hierhin
und dorthin, machten Männchen, lugten neugierig über die Bretter in alle
Winkel hinein und spielten Versteck hinter den Gemüsebüchsen und
Einmachtöpfen. Was sollten sie auch mit dem dummen Weihnachtsbaum, an dem es
nichts zu essen gab!
Als aber das Kleinste ins Pflaumenmus gefallen war und von Mama Miek und
Onkel Grisegrau abgeleckt werden musste, wurde ihnen das Umhertollen
untersagt, und sie mussten wieder artig am Pfefferkuchen knabbern.
Am anderen Morgen fand die alte Köchin kopfschüttelnd den Tannenast in der
Speisekammer und viele Krümel und noch etwas, was nicht gerade in die
Speisekammer gehört. Ihr werdet euch schon denken können, was!
Als Gottlieb und Lenchen in die Küche kamen, um der alten Marie guten Morgen
zu wünschen, zeigte sie ihnen die Bescherung und meinte: “Wir haben auch
tüchtig Weihnachten gefeiert.”
Die Kinder aber tuschelten und lachten und holten einen Blumentopf. Sie
pflanzten den Ast hinein und bekränzten ihn mit Zuckerwerk, aufgeknackten
Nüssen, Honigkuchen und Speckstückchen. Die alte Marie brummte, da aber die
Mutter lachend zuguckte, musste sie schon klein beigeben.
Sie stellten dann alles sicher und leise den kleinen Naschtierchen unter
ihren Weihnachtsbaum.
Die Kinder aber jubelten, als sie am zweiten Feiertag den Mäusebaum
geplündert vorfanden, und hätten gar zu gern auch ein Dankeschön von dem
kleinen Volke gehört.
Das aber lag unter der Diele und verdaute. “Den ganzen Speck vergess ich
mein Lebtag nicht”, sagte Fellchen, und Grisegrau biss eine mitgebrachte
Haselnuss entzwei; Kiek und Miek aber waren besorgt um ihre Kleinen, die
hatten zuviel Pfefferkuchen gegessen, und ihr wisst liebe Kinder,
das tut nicht gut.